Archiv für den Monat Mai 2016

Über die Unmöglichkeit des ‚reflektiert sein‘

Ich wette viele Menschen haben diesen Satz schon oft gehört. Frauen bekommen ihn von Männern in Sexismus- oder Feminismus-Debatten zu hören oder PoC von Weißen oder, oder, oder… Ich spreche von dem Satz: ‚Ich bin reflektiert…‘ und er wird  genutzt um Rassismus-, Sexismus-Vorwürfe zu entkräften. Bis jetzt ist er mir nie in einem anderen Kontext begegnet. Ich bin der Meinung, dass dieser Satz schon zeigt, dass die Person eben nicht ‚reflektiert ist‘. Ich bin sogar der Meinung, dass Menschen gar nicht reflektiert sein können.

Mein Verständnis von ‚Reflektion‘ ist, dass etwas immer wieder überdacht wird. Reflektion ist also die aktive Tat die eigenen Gedanken, Worte und Handlungen immer wieder zu überdenken und durchzudenken. Also kann eine Handlung, eine Rede, ein Gedanke erst reflektiert sein, nachdem sie über- und durchdacht wurde. Ein Mensch, der aber die ganze Zeit handelt, denkt und redet kann dann per Definition nicht reflektiert sein, aber dieser Mensch könnte in der Vergangenheit reflektiert gewesen sein.
Was ich hier beschreiben möchte ist, dass ‚reflektieren‘ eine aktive Handlung ist, die Zeit erfordert, die sich dann immer auf etwas beziehen muss, was schon geschehen ist. Nichts was gegenwärtig oder zukünftig ist kann reflektiert sein.
Jetzt könnte es sein, dass Menschen behaupten, dass wenn sie zum Beispiel ein Workshop planen und es schaffen alle Fehler, Vorurteile, etc zu finden, dass dieser Workshop dann reflektiert ist. Aber auch hier bezog sich die Reflektion auf den vorher angefertigten Plan des Workshops und wie der Workshop dann schlussendlich läuft, kann der Mensch vorher auch nicht wissen.
Ich bin dafür, dass Menschen aufhören zu sagen, dass sie ‚reflektiert sind‘, denn meiner Meinung nach zeigt dieser Satz, dass diese Menschen eben nicht reflektiert sind. Reflektieren ist die aktive Tat des überdenken von etwas geschehenem, zudem ist das Ergebnis der Reflektion am Anfang noch ungewiss, so dass es eigentlich richtig lauten sollte: „Ich versuche zu reflektieren.“ Ich bin der Meinung, dass erst an diesem Punkt Reflektion wirklich beginnen kann. Erst wenn die Reflektierenden wissen, dass sie nicht wissen können, wann sie am Ende der Reflektion, der aktiven Tat des Nach- und Überdenken, sind, dann kann Reflektion überhaupt erst beginnen.

Über Toleranz, Akzeptanz und Respekt

Die drei Begriffe ‚Toleranz‘, ‚Akzeptanz‘ und ‚Respekt‘ sind oft gebrauchte, aber eigentlich sehr undeutliche Begriffe. Ich möchte nun einmal darlegen, warum ich Forderungen nach ‚Toleranz‘ und ‚Akzeptanz‘ nicht so gerne unterstütze und lese, sondern den Begriff ‚Respekt‘ bevorzuge. Dazu werde ich jeweils die Wortherkunft ansprechen, beim Begriff ‚Toleranz‘ ein wenig weiter ausholen, und schließlich erklären, warum ich den Begriff ‚Respekt‘ favorisiere.

Lesezeit: 3-4 Minuten

Toleranz
Toleranz kommt vom lateinischen tolerare = erdulden/ertragen und wird oft als Duldung/Geltenlassen/Gewährenlassen von anderen Auffassungen, Meinungen und Einstellungen definiert. Zum Beispiel wurden die Religionen fremder Völker im Römischen Reich nur geduldet, wenn diese die Kaiserverehrung annahmen.

Kees Schuyt (niederländischer Soziologe) beschreibt die Toleranz als „unvollkommene Tugend“, weil etwas zugelassen wird, was eigentlich als schlecht erachtet wird. Toleranz ist also nicht ein Zulassen von etwas, was eins sowieso mag, oder was eins kalt lässt, sondern das Zulassen von etwas, was gegen die eigene Meinung/Einstellung geht. Toleranz ist passiv, sie ist ein ’nicht handeln‘, ein ‚untätig bleiben‘, ein ’nicht eingreifen‘. Und darin liegt meine Kritik.
Menschen sollen nicht untätig bleiben, obwohl sie andere Menschen verachten. Ich möchte nicht, dass nicht-normatives Verhalten nur geduldet wird, wegen irgendeinem höheren Motiv. Zum Beispiel: Ich lehne es ab, Flüchtende nur zu dulden, damit ‚unser Land in einem besseren Licht da steht‘. Das finde ich egoistisch.
Zudem ist ‚Toleranz‘ immer etwas was von der Mehrheit, von den Machthabenden ausgeht. Diese Mehrheit entscheidet, was toleriert wird und was nicht.

Akzeptanz
Akzeptanz kommt aus dem lateinischen accipere = gutheißen, annehmen, billigen. Bei diesem Begriff findet sich nun die aktive Komponente, die mir bei ‚Toleranz‘ fehlt.

Trotzdem finde ich den Begriff problematisch, denn wenn ich etwas ‚annehme‘, wie zum Beispiel die Möglichkeit, dass es viele unterschiedliche sexuelle Orientierungen oder Geschlechter gibt, dann sagt dass immer noch nichts darüber aus, was das für mein Verhalten bedeutet. Menschen können es gutheißen, dass Menschen unterschiedlich sind, aber es sagt noch nichts darüber aus ob sie darauf Rücksicht nehmen. Menschen können akzeptieren, dass es Menschen gibt, die Behinderungen haben, doch das bedeutet nicht, dass sich darum gekümmert wird, dass Möglichkeiten geschaffen werden, dass diese Menschen trotzdem ganz einfach mit der Bahn fahren oder ein Museum besuchen können.
Ähnlich wie ‚Toleranz‘, wird auch bei der ‚Akzeptanz‘ von der Mehrheit entschieden, was noch akzeptabel ist, das heißt systemerhaltend.Meiner Meinung nach sollten Menschen wertgeschätzt werden in ihrer Gesamtheit und auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen werden, deshalb komme ich nun zum Begriff ‚Respekt‘.

Respekt
Respekt kommt von dem lateinischen Wort respecto = Rücksicht, Berücksichtigen. Respekt ist eine Form der Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Diese 3 Begriffe: ‚Rücksicht‘, ‚Wertschätzung‘, ‚Aufmerksamkeit‘ decken die Bereiche ab, die ich bei den anderen beiden Begriffe problematisch finde. Respekt ist etwas aktives, im Gegensatz zur Toleranz. Wer etwas respektiert schätzt etwas und duldet es nicht nur. Gleichzeitig wird Rücksicht genommen auf die Menschen, die respektiert werden und so können Ungleichheiten ausgeglichen werden. Zudem wird respektierten Menschen Aufmerksamkeit geschenkt, so dass Probleme schnell besprochen und behoben werden könnten.

Also an einem Tag, wie dem IDAHOT (beispielsweise IDAHOBITAP) möchte ich nicht Toleranz oder Akzeptanz fordern, sondern ich möchte respektiert werden. Ich möchte, dass andere Respekt bekommen. Ich möchte, dass Menschen nicht nur dulden oder annehmen, sondern wertschätzen und berücksichtigen.
‚Respekt‘ findet im Gegensatz zu ‚Toleranz‘ und mehr als ‚Akzeptanz‘ auf einer gleichen Machtebene statt. Durch ‚Respekt‘ können Machtstrukturen zerstört werden, da ein Ausgleich unterschiedlicher Möglichkeiten angestrebt wird.

Kleiner Zusatz: Wenn ich Menschen respektiere, dann heißt das für mich auch, dass ich Faschisten zum Beispiel nicht als dumm bezeichne, sondern als Faschisten. Wenn ich Menschen respektiere, dann heißt das für mich auch, dass ich Frauke Petry nicht irgendwelche frauenfeindlichen Beleidigungen zurufe, sondern andere Beleidigungen verwende, denn Frauke Petry ist ein Kackspaten, weil sie eine Rechtsextremistin ist und nicht weil sie eine Frau ist.

 

Möglichkeiten für Umgang mit Mobbing in der Linken(TM) Szene

Seit einigen Tagen und Wochen taucht die Diskussion um Umgang mit Menschen, die andere mobben, immer wieder auf. (Dabei sollte nicht vergessen werden, dass viele mehrfach marginalisierte Menschen, dieses Mobbing schon seit Monaten, Jahren aus der ‚eigenen‘ Szene erleiden). Um einmal kurz zu wiederholen was passiert ist:
Verschiedene Twitter-Accounts (darunter (soweit ich weiß) @SuriPfote, @TheGurkenkaiser, @Orbyt666, sowie @g_rantelhuber) haben andere Menschen systematisch angegriffen und zwar soweit, dass verschiedene Menschen ihre Twitter-Accounts gelöscht haben, da sie die Angriffe nicht mehr ertragen haben. Die Angreifer haben fast die ganze Breite -istisches-Verhalten abgedeckt: (Cis)sexismus, Ableismus, Klassismus, etc. Ein paar Tage später veröffentlichte daraufhin eine Person den Namen und Wohnbezirk von @g_rantelhuber, löschte diesen Tweet doch später wieder. So glaubten die ganzen ‚Mackerantifas‘ eine Berechtigung zu haben für  ihre Angriffe gegen Feminist*innen, gegen Menschen, die nicht der Cis-Norm entsprechen.
Ja, Menschen zu outen ist scheiße, genauso wie sexistisches, autoritäres, klassistisches, etc Verhalten scheiße ist, genauso wie es scheiße ist dieses Verhalten nicht zu reflektieren, genauso wie es scheiße ist diese Arschlöcher zu verteidigen und deren Verhalten zu entschuldigen. Und wenn jetzt Menschen kommen und mir sagen, dass ich ‚ein Spalter‘ sei, dann sage ich ‚Ja, dann bin ich wohl in diesem Fall ein Spalter. Ich spalte mich ab von Menschen, die sexistisch sind. Ich spalte mich ab von Menschen, die klassistisch sind. Ich spalte mich ab von Menschen, die ableistisch/autoritär/faschistisch/nationalistisch/… sind. Wenn du eine Volksfront zusammen mit solchen Menschen organisieren möchtest, dann tu das, aber ich werde nicht dabei sein, ich werde sogar dagegen sein.‘

Aber mir ging es ja darum, wie mit solchen Vorfällen umgegangen wird. Zuerst einmal: meine Maxime  ist es, dass Betroffene so gut wie möglich geschützt vor weiteren Angriffen sind. Zweitens klappt das ganze, was ich vorschlagen möchte, nur, wenn es Menschen gibt, die solidarisch mit der*m Betroffenen*m sind.
Ich möchte das ganze an einem Beispiel erläutern: A verhält sich -istisch gegenüber B. Nach einer ersten spontanen Reaktion von B (ob das eine Ohrfeige ist, eine Beleidigung oder einfach ein Weggehen), sollte es Menschen geben an die B sich wenden kann. Der Vorfall sollte nun einmal aufgeschrieben werden, gleichzeitig sollte B vorschlagen, wie die Situation geändert werden kann, damit sich B sicher fühlen kann. Nun sollte einmal mit A gesprochen werden (ohne B): A sollte erfahren, was ihr*m vorgeworfen wird, wie si*er die Situation erlebt hat und welche Lösung si*er vorschlagen würde.
Nun können verschiedene Szenarien eintreten:
1) A und B haben die gleiche Lösung vorgeschlagen.
2) A und B haben unterschiediche Lösungen vorgeschlagen.
3) A meint, dass si*er keinen Fehler gemacht hat/nicht gemobbt hat.

Bei 1) ist die Situation geklärt.
Bei 2) denke ich, dass B einmal den Lösungsvorschlag von A erfährt, vielleicht ist dieser auch annehmbar. Falls nicht gibt es nun ein Problem, welches die ganze Gruppe zusammen lösen sollte. Falls sich keine Konsens-Lösung finden lässt, ist die einzige Lösung, dass A oder B nicht mehr in das AZ kann/nicht mehr Teil der Gruppe sein kann/… (siehe auch 3) ) Wen von beiden dies betrifft, sollte ohne die beiden besprochen werden!Bei 3) muss dann wohl die Gruppe entscheiden, ob sie das problematische Verhalten toleriert, und wenn nicht, dann sehe ich keine andere Möglichkeit außer A auszuschließen.

Auf Twitter gestaltet sich das ganze nochmal etwas anders, zum einen gibts die Möglichkeit des Blockens zum Selbstschutz und dann als nächste Möglichkeit wohl auch nur das darauf aufmerksam machen. Entweder entscheiden sich dann andere Menschen ebenfalls A zu entfolgen, zu blocken, zu ignorieren oder sie tun das nicht und unterstüzten damit das Verhalten von A.
Was ich aber auf gar keinen Fall richtig finde ist, wenn wer auf Twitter richtig viel Scheiße baut, diese Person dann mit offline-Namen zu outen (deshalb werden oben auch die Twitternamen erwähnt, weil unter diesem Namen andere Menschen angegriffen wurden). Wenn sich jedoch eine Person wiederholt außerhalb des Internet diskriminieren, -istisch verhält, dann habe ich kein Problem damit, wenn vor dieser Person gewarnt wird, nur sollte es dann auch begründet werden, warum diese Warnung öffentlich gemacht wurde.