Über die Unmöglichkeit des ‚reflektiert sein‘

Ich wette viele Menschen haben diesen Satz schon oft gehört. Frauen bekommen ihn von Männern in Sexismus- oder Feminismus-Debatten zu hören oder PoC von Weißen oder, oder, oder… Ich spreche von dem Satz: ‚Ich bin reflektiert…‘ und er wird  genutzt um Rassismus-, Sexismus-Vorwürfe zu entkräften. Bis jetzt ist er mir nie in einem anderen Kontext begegnet. Ich bin der Meinung, dass dieser Satz schon zeigt, dass die Person eben nicht ‚reflektiert ist‘. Ich bin sogar der Meinung, dass Menschen gar nicht reflektiert sein können.

Mein Verständnis von ‚Reflektion‘ ist, dass etwas immer wieder überdacht wird. Reflektion ist also die aktive Tat die eigenen Gedanken, Worte und Handlungen immer wieder zu überdenken und durchzudenken. Also kann eine Handlung, eine Rede, ein Gedanke erst reflektiert sein, nachdem sie über- und durchdacht wurde. Ein Mensch, der aber die ganze Zeit handelt, denkt und redet kann dann per Definition nicht reflektiert sein, aber dieser Mensch könnte in der Vergangenheit reflektiert gewesen sein.
Was ich hier beschreiben möchte ist, dass ‚reflektieren‘ eine aktive Handlung ist, die Zeit erfordert, die sich dann immer auf etwas beziehen muss, was schon geschehen ist. Nichts was gegenwärtig oder zukünftig ist kann reflektiert sein.
Jetzt könnte es sein, dass Menschen behaupten, dass wenn sie zum Beispiel ein Workshop planen und es schaffen alle Fehler, Vorurteile, etc zu finden, dass dieser Workshop dann reflektiert ist. Aber auch hier bezog sich die Reflektion auf den vorher angefertigten Plan des Workshops und wie der Workshop dann schlussendlich läuft, kann der Mensch vorher auch nicht wissen.
Ich bin dafür, dass Menschen aufhören zu sagen, dass sie ‚reflektiert sind‘, denn meiner Meinung nach zeigt dieser Satz, dass diese Menschen eben nicht reflektiert sind. Reflektieren ist die aktive Tat des überdenken von etwas geschehenem, zudem ist das Ergebnis der Reflektion am Anfang noch ungewiss, so dass es eigentlich richtig lauten sollte: „Ich versuche zu reflektieren.“ Ich bin der Meinung, dass erst an diesem Punkt Reflektion wirklich beginnen kann. Erst wenn die Reflektierenden wissen, dass sie nicht wissen können, wann sie am Ende der Reflektion, der aktiven Tat des Nach- und Überdenken, sind, dann kann Reflektion überhaupt erst beginnen.

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3 Gedanken zu „Über die Unmöglichkeit des ‚reflektiert sein‘

  1. Marion M

    Du beziehst Reflektion auf alles Handeln einer Person, und zwar in realtime. Die Ummöglichkeit echten Multitaskings impliziert daher die Unmöglichkeit einer so definierten Reflektion. Das sehe ich auch so. Ich für meinen Teil würde auch nie behaupten, ich „wäre reflektiert“. Höchstens, dass ich Situation A oder Handlung B überdacht und ggf. infrage gestellt habe. Aber eigentlich ist so eine Aussage irrelevant. Denn relevant ist nur, zu welchem Ergebnis ich bei meiner Reflektion gekommen bin und nicht, dass es ein Ergebnis gibt.

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    1. marvinace Autor

      Mir ging es ja genau darum, dass die Aussage ‚Ich bin reflektiert‘ einerseits unmöglich und andererseits – wie du sagst – auch irrelevant ist, denn wie dein letzter Satz es sehr schön formuliert ist es interessant WELCHES Ergebnis die Reflektion ergibt und nicht, dass es überhaupt ein Ergebnis gibt.

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  2. Carmilla DeWinter

    Ja, das ist eine dieser Aussage, die nichts aussagt, oder bestenfalls das Gegenteil dessen, das behauptet wird. Reflektiert sein ist, wenn überhaupt, ein Idealzustand, der niemals erreicht werden kann.
    Manchmal finde ich es schade, dass es für das Englische „self-aware“ kein schönes deutsches Wort gibt – aber auch dieses „sich über die eigenen Motive bewusst sein“ ist bestenfalls in Approximation möglich und niemals absolut.

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