Archiv für den Monat Juni 2016

Eine kleine Geschichte der Asexualität

Dies ist ein Text, der in deutscher Sprache die Geschichte von Asexualität einmal ein wenig zusammenfassen soll. Es geht dabei vor allem um das 19. und 20. Jahrhundert, also bevor 2001 David Jay AVEN gegründet hat.

Ich habe vor allem die englischsprachigen Blogposts von Acing History und Live Blogging my descent into madness, sowie Autism / Serenity genutzt.

Der Begriff ‚Asexualität‘ taucht zwar 1907 in einem Aufsatz von Helen Fraser im Westminster Review auf, in dem sie darüber schrieb, dass „männliche Frauen“ und asexuelle Frauen die Frauenwahlrechtsbewegung dominieren und für die „weiblichen Frauen“ zerstören würden. Sie definiert Asexualität als einen geringen Geschlechtstrieb habend und auf sexuelle Dinge entweder mit Ekel oder einer ungesunden Neugier schauend. Dies hat noch nicht viel mit der heutigen Definition von Asexualität, als nicht vorhanden sein einer sexuellen Anziehung zu tun.
Doch es gab verschiedene frühere Begriffe, die der heutigen Definition, die sich ab 1970 entwickelte, nahekommen. Zum Beispiel im The New Sydenham Society’s Lexicon of medicine and allied sciences (1879) wird das Wort ‚anaphroditus‘ erwähnt, welches bedeutet ‚Nicht-Genießen von physischer Lieben‘. Ein wenig später schreibt Magnus Hirschfeld in Sappho und Sokrates (1896): „Es gibt Individuen mit garnicht vorhandenen geschlechtlichen Begehren.“. Doch vor diesen beiden Erwähnung prägte 1869 Karl-Maria Kertbeny das Wort monosexuell, welches Menschen beschreibt, die nur masturbieren.

Zeitlich nach dem oben erwähnten Aufsatz schreibt Ralph Werther – Jennie June in The female Impersonators über ‚Anaphroditen‘ als Männer die „bei dem Gedanken an Sex, zusammenzucken“ und die niemals „einer Frau den Hof machen“. Anaphroditen sollen ungefähr 1,5% aller Männer ausmachen und verehren (sexuell?) keinen Menschen.
In Women’s History: Britain, 1850-1945 wird ein Zeitungsartikel zitiert, der 1935 Frauen dazu aufrief ihre Töchter vor „sexlosen oder homosexuellen“ Frauen zu schützen (im Original wird das Wort ‚hoydens‘ benutzt, was eine freche, ausgelassene und sorglose Frau meint). Es ist also deutlich, dass Frauen diskriminiert wurden, weil sie keinen oder lesbischen Sex hatten. In der Mitte des 20. Jahrhunderts veröffentlichte Alfred Kinsey seine Studien über die menschliche Sexualität. In denen taucht neben den homo-, hetero- und bisexuellen Gruppen auch die Gruppe X auf. Menschen dieser Gruppe verspüren keine Anziehung zu einem Geschlecht. Auch Alfred Kinseykam auf eine Prozentzahl von 1,5% Gruppe X unter Männern.

Ich hatte oben beschrieben, dass ab den 1970er Jahren der Begriff Asexualität unter der Definition von geringer oder gar keiner sexuellen Anziehung. Helen Singer Kaplan schrieb in Disorders of Sexual Desires über ‚Hypoactive sexual desire‘ als psychische Störung, bei der  keine oder nur sehr geringe sexuelle Anziehung verspürt wird. 7 Jahre später, 1977, schrieb Myra T. Johnson in dem akademischen Aufsatz Asexual and Autoerotic Women: Two Invisible Groups über nicht-pathologisierender Weise. Sie unterschied zwischen masturbierenden Frauen (autoerotisch) und nicht-masturbierenden Frauen (asexuell), untersuchte wie diese beiden Gruppen (nicht) in der „westlichen Kultur“ gesehen wurden und wie sie in die damalige feministische Bewegung einzuordnen waren. Sie schrieb auch darüber, wie asexuelle Frauen diskriminiert wurden, nämlich dass die sexuelle Revolution und feministische Bewegungen die Existenz asexueller Frauen ignoriert oder geleugnet hat.

1983 wurde eine Studie von Paula Nurius mit 689 Studierenden aus den USA durchgeführt. Thema war die Verbindung geistiger Gesundheit und sexueller Orientierung und sie kam zu den Ergebnis, dass 5% der männlichen und 10% der weiblichen Studierenden asexuell seien (als asexuell wurden Teilnehmende eingestuft, die auf den beiden Skalen für homo-erotische Anziehung und hetero-erotische Anziehung auf einen Wert von unter 10 eingestuft wurden, 100 waren maximal möglich). Die Studie fand auch heraus, dass als asexuell eingestufte Menschen, öfters Depressionen hatten.
Eine Studie unter Schafen fand ausserdem heraus, dass es anscheinend auch inder Tierwelt Asexualität geben könnte, als herauskam, dass 2-3% von Schafböcken kein Interesse hatten sich zu paaren, aber ansonsten geistig und physisch gesund waren.

Ich möchte ein paar Menschen zitieren, die schon länger in queeren Bewegungen aktiv sind und persönliche Erfahrungen mit asexuellen Menschen gehabt haben, bevor AVEN gegründet wurden ist, beispielsweise als AVEN noch sehr jung war. Atomic Bubblegum schreibt hier darüber, dass bevor sich eine eigene asexuelle Community im Laufe des 21.Jahrhunderts gebildet hat, diese Menschen in der bisexuellen Community willkommen geheißen wurden. Menschen, die nicht heterosexuell und nicht homosexuelle waren, fanden in der bisexuellen Community die Möglichkeit über ihre Probleme zu sprechen, ihre Gefühle ausdrücken zu können.
Vaspider formuliert es hier so:

Aces were bi only 20 years ago. “Bi” was the umbrella diagnosis if you weren’t a gold star gay.

und hier nochmal:

One of the oldest queer people I personally know is ace, and hung out in the “not gay or straight” section for ages, but she’s been with us forever.

Das 21. Jahrhundert wird langsam unübersichtlich bezüglich der Geschichte von asexuellen Communities. Erwähnenswert wären Antony Bogaert als einer der bekanntesten Wissenschaftler, der das Buch Understanding Asexuality geschrieben hat, durch das zweite Welle der Erforschung von Asexualität begonnen wurde (nach den Studien der 1970er und 1980er).
Zwei Diskussionen, die innerhalb der asexuellen Community stattfanden möchte ich erwähnen. Es gab die Diskussion über die Definition von Asexualität, wobei sich die inklusivere Variante (Asexuell is wer keine sexuelle Anziehung verspürt und/oder sich als asexuell identifiziert durchgesetzt gegenüber der exklusiveren Variante (asexuell ist wer keine sexuelle Anziehung verspürt und keinen Libido hat, also nicht masturbiert). Die andere größere Diskussion fand zwischen einem sex-positive-/sex-neutrality-Lager und einem sex-negative-/antisexuellem Lager statt. Größtenteils hat sich aber ersters durchgesetzt und mehrheitlich ist die Meinung, dass Menschen soviel oder sowenig Sex haben sollen, wie sie wollen. Natürlich sollte es einen Konsens geben zwischen den teilnehmenden Menschen. Auch eine ausführliche Sexualkunde wird größtenteils unterstützt.

Die  jüngste Zeit ist gekennzeichnet davon, dass viele Gruppen und Communities außerhalb von AVEN entstehen, Asexualität wird langsam bekannter und damit begann auch die Diskussion der letzten Monate/Jahre, in wie weit Asexualität in das LGBTQ+ Akronym gehört, während dabei aber online offener und öfters Asexuelle ausgeschlossen und attackierten werden, als in offline queeren Gruppen.

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Bash Back! – Queer Liberation trough Revolution

Bash Back! war das queer-insurrektionalistische Netzwerk, welches ich schon im letzten Beitrag erwähnt habe. Es bildete sich 2007 in Chicago und bestand aus lokalen Gruppen in den U.S.A. Beeinflußt und inspiriert war das Netzwerk von insurrektionalistischen Theorien, radikalen queeren Gruppen, wie ACT UP und Gay Shame. Zudem haben sie sich auf den Stonewall-Aufstand in New York und die White-Night-Aufstände in San Francisco berufen.BashBackPhoto
Es gab kein verbindliches politisches Programm, welches Mitglieder*innen unterzeichnen mussten, sondern nur 4 ‚Points of Unity‘:

  1. Kämpft um die Freiheit. Nicht um mehr. Nicht um weniger. Staatliche Anerkennung in der Form repressiver Institutionen, wie Ehe und Militarisierung, sind nicht Stufen zur Befreiung, sondern vielmehr zur heteronormativen Assimilation.
  2. Ablehnung von Kapitalismus, Imperialismus und allen Formen staatlicher Herrschaft.
  3. Aktives Entgegentreten gegenüber jeglicher Unterdrückung innerhalb und ausserhalb der ‚Bewegung‘. Es wird kein unterdrückendes Verhalten toleriert.
  4. Respekt für die Vielfalt von Taktiken im Kampf um Befreiung. Zudem soll keine Aktion nur aus dem Grund verurteilt werden, dass der Staat sie als illegal bezeichnet.

In dem Text Bash Back! is Dead; Bash Back Forever! wird beschrieben, dass die Methode war der Realität erlebter Gewalt gegen queere Jugendlichen und Erwachsenen in Vergangenheit und Gegenwart entgegen zu treten und zwar mit allen nötigen Mitteln.

Queers brauchten einen Wohnort, Selbstverteidungsmöglichkeiten, schöne Dinge und Vergnügen, konsequenterweise besetzten wir Häuser, kollektivierten Waffen, trainierten zusammen, plünderten so viel wie möglich und organisierten Partys, Aufstände und Orgien.

Doch Bash Back! Gruppen waren auch bei größeren Protesten dabei. 2008 umzingelten sie nach einer unangemeldeten Demonstration ein Polizeigebäude, konfrontierten Neo-Nazis, die gegen Milwaukee Pridefest demonstrierten, protestierten gegen Gentrifizierung und Pink Capitalism. Bei der Nationalen Konferenz der Demokratischen Parte der USA demonstrierten sie gegen die trans-exklusive Politik der Human Rights Campaign und organisierten einen queer und trans-Block innerhalb des Black Block, der zum Großteil in Gewahrsam genommen wurde, trotzdem wurde am darauffolgenden Tag ein queeres Kiss-in gegen homofeindliche Konservative durchgeführt. Einen Monat später waren Gruppen auch bei der Nationalen Konferenz der Republikanischen Partei der USA dabei, blockierten länger eine Kreuzung, mussten die jedoch nach einem Angriff von berittenen Polizist*innen räumen, nur um kurz darauf Anhänger der queer-feindlichen Westboro Baptist Church zu konfrontieren. Weitere Aktionen richteten sich wieder gegen die trans-exklusive Politik der Human Rights Campaign, gegen queer-feindliche, christliche Kirchen, sowie gegen die Polizei.

Aufgrund der Struktur von Bash Back! gibt es vieles zu kritisieren an manchen Methoden, auf der ‚offiziellen‘ Website lassen sich auch Texte finden, die zu kritisieren sind. Zudem wurde auch der Insurrektionalismus, und damit auch Bash Back! als insurrektionalistische Gruppe, oft kritisiert. Jedoch war es der Versuch eine Möglichkeit zu finden der Gewalt, die tagtäglich erlebt wird etwas entgegenzusetzen, für sich selbst zu sprechen, Erlebtes offensiv zu verarbeiten und für einander gegen queer-feindliche Menschen einzustehen. 4154007175_080bb67f2e
Ich habe Respekt davor, dass sie einen eigenen Standpunkt sich aufgebaut haben, dass sie sich nicht dem Staat unterworfen haben und die Tradition Stonewalls weiter führen wollten. Es muss nicht jedem Punkt zugestimmt werden, was Bash Back! war und forderte, aber das ist wohl dem geschuldet, dass es kein verbindliches Programm gab für die verschiedenen Gruppen. Auch innerhalb von Bash Back! gab es viele Diskussionen über verschiedene Aktionsmöglichkeiten. Davon kann jedoch gelernt werden und der Kampf um Freiheit weitergeführt werden.

BASH BACK FOREVER

Queer Anarchismus – The First Pride Was A Riot

Kämpfe um die Freiheit. Nicht um mehr. Nicht um weniger.

Zitat aus den ‚Points of unity‘ des queer-insurrektionalistischen(1) Netzwerks Bash Back!

Queeres Leben und Anarchismus? In Zeiten eines immer stärker auftretenden Pink Capitalism (2) ist es manchmal schwer das Bedürfnis nach einem queering (3) der anarchistischen Bewegungen zu sehen. Menschen freuen sich, wenn ihr Geschlecht vom Staat anerkannt wird, ein Teil der staatlichen Diskriminierung verboten wird, und und und. Dafür habe ich auch Verständnis, jedoch bleibt Queer consumerism, Queer assimilation is not Queer Liberation. Das heißt in all dieser Kapitalisierung queeren Lebens, in all dieser Integration in den Staat hinein, läßt sich nicht die Freiheit finden. Oder um es nochmal anders zu formulieren:

Staatliche Anerkennung in der Form repressiver Institutionen, wie Ehe und Militarisierung, sind nicht Stufen zur Befreiung, sondern vielmehr zur heteronormativen Assimilation.

Zitat aus den ‚Points of unity‘ des queer-insurrektionalistischen Netzwerks Bash Back!

Damit sind wir schon mitten drin in queer-anarchistischen Ideen.
Um aber nocheinmal einen Schritt zurückzugehen: Passen queerer Aktivismus und anarchistische Bewegungen überhaupt zusammen? Spontan lässt sich diese Frage mit „Ja“ beantworten, denn

  1. Es gibt Aktivist*innen, die in queeren und anarchistischen Kreisen unterwegs waren.
  2. Wenn es queeren Feminismus gibt und Anarcha-Feminismus, dann gibt es wohl auch queeren Anarcha-Feminismus, bzw. queeren Anarchismus.
  3. Es gibt queer-anarchistische Gruppen, also gibt es wohl auch das Konzept eines queeren Anarchismus.

Aber warum passen Anarchismus und queerer Aktivismus so gut zusammen? Ich möchte mit der Definition arbeiten von anarchistischen Bewegungen als Bewegung, die sich jeglicher Autorität widersetzt, innerhalb und außerhalb der Bewegung, und die Befreiung aller Menschen anstrebt (4). Wenn queerer Aktivismus gegen verschiedene heteronormative (heutzutage auch homonormative) Strukturen und Institutionen vorgeht, dann führt er in diesem Bereich den gleichen Kampf, wie anarchistische Bewegungen. Warum jedoch dann queerer Anarchismus, wenn der Kampf doch der gleiche ist? Queerer Aktivismus sagt erstmal grundsätzlich nicht aus, welches Ziel besteht. Wie oben beschrieben fordern viele, die Öffnung der Ehe oder das freie Wählen des Geschlechts im Pass. Queer-anarchistische Aktivist*innen würden jedoch viel eher die Abschaffung der Ehe und die Abschaffung von Pässen erreichen wollen.
Der Unterschied zwischen queeren Aktivismus und queer-anarchistischem Aktivismus liegt also in den Grundannahmen der Aktivist*innen. Sind diese Demokrat*innen? Sind diese Kommunis*innen? Sind diese Anarchist*innen? Oder irgendwas dazwischen oder ganz anderes?

Queere Aktivist*innen gibt es viele, meiner Meinung nach kann jedoch eine endgültige Befreiung nur mit einem queeren Anarchismus erreicht werden. Deshalb möchte ich ein wenig über verschiedene Aspekte queeren Anarchismus in den nächsten Wochen schreiben, über historische Ereignisse, verschiedene Gruppen, Ansätze, etc.

(1) auch Aufständischer Anarchismus; Strömung des Anarchismus, der sich vor allem in den 1970er Jahren in Italien herausgebildet hat und den Aufstand in den Mittelpunkt anarchistischen Handelns stellt und verbindliche Organisationen eher ablehnend gegenüber steht.
(2) Pink Capitalism ist ein Begriff aus der kritischen Betrachtung der Vereinnahmung von queer-Themen und Diskursen durch Firmen und andere autoritäre Institutionen und Strukturen, vor allem im Bereich weißer, schwuler, cis-Männer der westlichen Ober-/Mittelschicht.
(3) Queering bedeutet immer wieder Normen zu problematisieren und aufzulösen.
(4) Mir ist bewusst, dass in einer seperaten Betrachtung dieser Begriff weitergedacht und verändert werden kann und vielleicht auch sollte, jedoch lässt sich mit jetzt klar und deutlich die Verbindung zu queerem Aktivismus finden.