Eine kleine Geschichte der Asexualität

Dies ist ein Text, der in deutscher Sprache die Geschichte von Asexualität einmal ein wenig zusammenfassen soll. Es geht dabei vor allem um das 19. und 20. Jahrhundert, also bevor 2001 David Jay AVEN gegründet hat.

Ich habe vor allem die englischsprachigen Blogposts von Acing History und Live Blogging my descent into madness, sowie Autism / Serenity genutzt.

Der Begriff ‚Asexualität‘ taucht zwar 1907 in einem Aufsatz von Helen Fraser im Westminster Review auf, in dem sie darüber schrieb, dass „männliche Frauen“ und asexuelle Frauen die Frauenwahlrechtsbewegung dominieren und für die „weiblichen Frauen“ zerstören würden. Sie definiert Asexualität als einen geringen Geschlechtstrieb habend und auf sexuelle Dinge entweder mit Ekel oder einer ungesunden Neugier schauend. Dies hat noch nicht viel mit der heutigen Definition von Asexualität, als nicht vorhanden sein einer sexuellen Anziehung zu tun.
Doch es gab verschiedene frühere Begriffe, die der heutigen Definition, die sich ab 1970 entwickelte, nahekommen. Zum Beispiel im The New Sydenham Society’s Lexicon of medicine and allied sciences (1879) wird das Wort ‚anaphroditus‘ erwähnt, welches bedeutet ‚Nicht-Genießen von physischer Lieben‘. Ein wenig später schreibt Magnus Hirschfeld in Sappho und Sokrates (1896): „Es gibt Individuen mit garnicht vorhandenen geschlechtlichen Begehren.“. Doch vor diesen beiden Erwähnung prägte 1869 Karl-Maria Kertbeny das Wort monosexuell, welches Menschen beschreibt, die nur masturbieren.

Zeitlich nach dem oben erwähnten Aufsatz schreibt Ralph Werther – Jennie June in The female Impersonators über ‚Anaphroditen‘ als Männer die „bei dem Gedanken an Sex, zusammenzucken“ und die niemals „einer Frau den Hof machen“. Anaphroditen sollen ungefähr 1,5% aller Männer ausmachen und verehren (sexuell?) keinen Menschen.
In Women’s History: Britain, 1850-1945 wird ein Zeitungsartikel zitiert, der 1935 Frauen dazu aufrief ihre Töchter vor „sexlosen oder homosexuellen“ Frauen zu schützen (im Original wird das Wort ‚hoydens‘ benutzt, was eine freche, ausgelassene und sorglose Frau meint). Es ist also deutlich, dass Frauen diskriminiert wurden, weil sie keinen oder lesbischen Sex hatten. In der Mitte des 20. Jahrhunderts veröffentlichte Alfred Kinsey seine Studien über die menschliche Sexualität. In denen taucht neben den homo-, hetero- und bisexuellen Gruppen auch die Gruppe X auf. Menschen dieser Gruppe verspüren keine Anziehung zu einem Geschlecht. Auch Alfred Kinseykam auf eine Prozentzahl von 1,5% Gruppe X unter Männern.

Ich hatte oben beschrieben, dass ab den 1970er Jahren der Begriff Asexualität unter der Definition von geringer oder gar keiner sexuellen Anziehung. Helen Singer Kaplan schrieb in Disorders of Sexual Desires über ‚Hypoactive sexual desire‘ als psychische Störung, bei der  keine oder nur sehr geringe sexuelle Anziehung verspürt wird. 7 Jahre später, 1977, schrieb Myra T. Johnson in dem akademischen Aufsatz Asexual and Autoerotic Women: Two Invisible Groups über nicht-pathologisierender Weise. Sie unterschied zwischen masturbierenden Frauen (autoerotisch) und nicht-masturbierenden Frauen (asexuell), untersuchte wie diese beiden Gruppen (nicht) in der „westlichen Kultur“ gesehen wurden und wie sie in die damalige feministische Bewegung einzuordnen waren. Sie schrieb auch darüber, wie asexuelle Frauen diskriminiert wurden, nämlich dass die sexuelle Revolution und feministische Bewegungen die Existenz asexueller Frauen ignoriert oder geleugnet hat.

1983 wurde eine Studie von Paula Nurius mit 689 Studierenden aus den USA durchgeführt. Thema war die Verbindung geistiger Gesundheit und sexueller Orientierung und sie kam zu den Ergebnis, dass 5% der männlichen und 10% der weiblichen Studierenden asexuell seien (als asexuell wurden Teilnehmende eingestuft, die auf den beiden Skalen für homo-erotische Anziehung und hetero-erotische Anziehung auf einen Wert von unter 10 eingestuft wurden, 100 waren maximal möglich). Die Studie fand auch heraus, dass als asexuell eingestufte Menschen, öfters Depressionen hatten.
Eine Studie unter Schafen fand ausserdem heraus, dass es anscheinend auch inder Tierwelt Asexualität geben könnte, als herauskam, dass 2-3% von Schafböcken kein Interesse hatten sich zu paaren, aber ansonsten geistig und physisch gesund waren.

Ich möchte ein paar Menschen zitieren, die schon länger in queeren Bewegungen aktiv sind und persönliche Erfahrungen mit asexuellen Menschen gehabt haben, bevor AVEN gegründet wurden ist, beispielsweise als AVEN noch sehr jung war. Atomic Bubblegum schreibt hier darüber, dass bevor sich eine eigene asexuelle Community im Laufe des 21.Jahrhunderts gebildet hat, diese Menschen in der bisexuellen Community willkommen geheißen wurden. Menschen, die nicht heterosexuell und nicht homosexuelle waren, fanden in der bisexuellen Community die Möglichkeit über ihre Probleme zu sprechen, ihre Gefühle ausdrücken zu können.
Vaspider formuliert es hier so:

Aces were bi only 20 years ago. “Bi” was the umbrella diagnosis if you weren’t a gold star gay.

und hier nochmal:

One of the oldest queer people I personally know is ace, and hung out in the “not gay or straight” section for ages, but she’s been with us forever.

Das 21. Jahrhundert wird langsam unübersichtlich bezüglich der Geschichte von asexuellen Communities. Erwähnenswert wären Antony Bogaert als einer der bekanntesten Wissenschaftler, der das Buch Understanding Asexuality geschrieben hat, durch das zweite Welle der Erforschung von Asexualität begonnen wurde (nach den Studien der 1970er und 1980er).
Zwei Diskussionen, die innerhalb der asexuellen Community stattfanden möchte ich erwähnen. Es gab die Diskussion über die Definition von Asexualität, wobei sich die inklusivere Variante (Asexuell is wer keine sexuelle Anziehung verspürt und/oder sich als asexuell identifiziert durchgesetzt gegenüber der exklusiveren Variante (asexuell ist wer keine sexuelle Anziehung verspürt und keinen Libido hat, also nicht masturbiert). Die andere größere Diskussion fand zwischen einem sex-positive-/sex-neutrality-Lager und einem sex-negative-/antisexuellem Lager statt. Größtenteils hat sich aber ersters durchgesetzt und mehrheitlich ist die Meinung, dass Menschen soviel oder sowenig Sex haben sollen, wie sie wollen. Natürlich sollte es einen Konsens geben zwischen den teilnehmenden Menschen. Auch eine ausführliche Sexualkunde wird größtenteils unterstützt.

Die  jüngste Zeit ist gekennzeichnet davon, dass viele Gruppen und Communities außerhalb von AVEN entstehen, Asexualität wird langsam bekannter und damit begann auch die Diskussion der letzten Monate/Jahre, in wie weit Asexualität in das LGBTQ+ Akronym gehört, während dabei aber online offener und öfters Asexuelle ausgeschlossen und attackierten werden, als in offline queeren Gruppen.

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5 Gedanken zu „Eine kleine Geschichte der Asexualität

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