Archiv für den Monat August 2016

Kritik an Verschwörungstheorien

Ich habe am Samstag Abend die drei-teilige Serie über Verschwörungstheorien und Geheimbünde bei Arte gesehen. Am selben Abend habe ich mich bei Twitter noch sehr über die Darstellung bei Arte und allgemein über Verschwäorungstheorien aufgeregt.
Doch Twitter ist meiner Meinung nach nicht das richtige Medium für eine gründliche Kritik an vereinfachten Welterklärungen, den sogenannten ‚Verschwörungstheorien‘, deshalb will ich das jetzt hier nachholen.

Was sind Verschwörungstheorien?
Eine Verschwörungsthorie entsteht bei dem Versuch Ereignisse, Prozesse/Entwicklungen und Zustände auf das Handeln einer Person, einer Gruppe zurückzuführen, die im Geheimen wirken und einen übergeordneten Plan verfolgen. Diese Theorien basieren dabei auf Zuweisungen bestimmter Eigenschaften zu bestimmten Gruppen (zum Beispiel: „Die Juden sind ….“) und/oder auf die Aneinanderreihungen von zwar belegbaren, aber nicht zusammenhängenden Fakten (zum Beispiel: In den 60er Jahren gab es aus den Reihen des US-Militärs den Vorschlag von Terroranschlägen im eigenen Land um diese dann anderen Ländern in die Schuhe zu schieben und in den 90er Jahren wurde ein Strategiepapier in den USA entwickelt zum militärischen Eingriff im Nahen Osten. Also muss der 9/11-Anschlag von der us-amerikanischen Regierung ausgeführt wurden sein.)
Verschwörungstheoretiker*innen formulieren dabei immer zwei sich gegenüberliegende Gruppen: 1. die Gruppe/Person, die ‚im Zentrum der Macht‘ sitzt und alles steuert und alle anderen Menschen, die von dieser Gruppe/Person unterdrückt/ausgenutzt werden. Diese ‚böse‘, machthabende Gruppe wird dabei dann zum Sündenbock für alles Schlechte gemacht, was auf der Welt passiert. Alle Katastrophen, etc geschehen aufgrund des geheimen Plans, den diese Gruppe/Person verfolgt.

Verschwörungstheorien basieren dabei auf einem in sich selbst geschlossenem Weltbild. Das heißt, dass jeder Vorfall die Verschwörungstheorie bestärkt und es fast unmöglich ist, Menschen aus diesem Weltbild wieder heraus zu holen. Zum Beispiel wird eine ‚Bestätigung‘ der Verschwörung natürlich zu einer Bekräftigung des Weltbildes führen, aber ebenso ist die Nicht-Bestätigung der Verschwörungstheorie nur ein weiterer Beweis für die Macht der geheimen Gruppe.
Es können jedoch Unterscheidungen in der Größe der Verschwörungstheorie gemacht werden. Die kleinsten beziehen sich nur auf ein bestimmtes Ereignis, bei dem ein Gruppe im Geheimen handeln soll. Dann gibt es aber auch Verschwörungstheorien, die dann schon größer formuliert werden und bei denen es darum geht, dass eine Gruppe an der Weltherrschaft arbeitet. Zuletzt gibt es noch die dritte Gruppe, dabei werden verschiedenste Verschwörungstheorien miteinander verknüpft, die über eine riesige Zeitspanne reichen und mit allem was passiert in Verbindung stehen.

Warum sind Verschwörungstheorien zu kritisieren?
Das Weltbild auf denen Verschwörungstheorien basieren ist, wie oben gesagt, meist in die kleine geheime Gruppe mit ausbeuterischem Plan und dem Rest der Menschheit als Ausgebeuteten eingeteilt. Oft wird die kleine Gruppe oft als ‚unmenschlich‘ dargestellt, viel lieber verwenden Verschwörungstheoretiker*innen ableistische Begriffe alsvermeintliche Synonyme für ‚unmenschlich‘.
Aber das ist erst der erste Punkt: Viele Verschwörungstheorien bauen auch darauf auf, dass irgendeine Geheimgruppe ‚die Familie‘ zerstören will, gemeint ist dabei das heteronormative, cis-normative, patriarchale Bild der Familie von arbeitendem Cis-Mann, die Cis-Frau als Hausfrau und einer bestimmten Menge an Kindern. Hier propagieren VerschwörungstheoretikerInnen also ein anti-progressives Bild von Familie, Mann und Frau, mit dem transfeindliche, homofeindliche, etc Angriffe auf Menschen gerechtfertigt werden.
Weiter zu kritisieren sind natürlich der Antisemitismus und Rassismus vieler Verschwörungstheoretiker*innen.

Diese ganzen Kritikpunkten fallen bei der Betrachtung von Verschwörungstheorien sehr schnell ins Auge, ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen (dabei nehme ich keine Wertigkeit vor wie schlimm die einzelnen Kritikpunkte sind, alle sind menscheinfeindlich und daher nicht in eine Rangfolge von 1 sehr menschenfeindlich zu 10 ein wenig menschenfeindlich zu stellen).
Verschwörungstheorien arbeiten immer auch mit Skepsis gegenüber Autoritäten und dem Erkennen von Ähnlichkeiten bei Ereignissen. Zum Beispiel wird eine Häufung von Naturkatastrophen beobachtet, doch diese sind dann nicht Folge eines Klimawandels (den gibt es schließlich nicht, nach einigen Verschwörungstheoretiker*innen), sondern wurden von einer geheimen us-amerikanischen Gruppe hervorgerufen zur Unterdrückung der Wirtschaft des Landes mit der Naturkatastrophe.
Und in dem Moment wo diese abstruse Verschwörungstheorie formuliert wird, verliert die Ablehnung von Autoritäten und das Beobachten von Ähnlichkeiten von Entwicklungen und Ereignissen auf der Welt, ihre Progressivität und emanzipatorische Kraft. Es wird nicht erkannt das innerhalb autoritärer Systeme gewisse Handlungsweisen sich etablieren mit denen die mächtigeren Staaten der Erde ihre Macht erhalten und ausbauen (zum Beispiel mit Sanktionen gegen Schutzzölle oder dem Kredite geben nur im Tausch mit der ‚Öffnung des Marktes), werden Ereignisse und Zustände dem Handeln kleiner Geheimgruppen zu geschrieben. Anstatt das erkannt wird, dass zur Lösung von Ungerechtigkeit das System geändert werden muss, wird propagiert dass eine Religion für all die Ungerechtigkeit auf der Welt verantwortlich ist und folglich muss nur diese Religion vernichtet werden, anstatt das ganze System. Anstatt dass reflektiert wird, warum Rituale und Traditionen auf eine*n selber ‚makaber und kurios‘ wirken, wird eine Gruppe zu einem satanischen Geheimbund mit geheimen Zielen hochstilisiert. Anstatt das erkannt wird, dass Menschen sich nun mal fast immer mit Gleichgesinnten zu Gruppen zusammen schließen und das auch für Leute mit Macht gilt, wird sofort eine ganze Verschwörungstheorie erdacht.

Verschwörungstheorien sind eine zu bekämpfende Form von Menschenfeindlichkeit. Verschwörungstheorien verhindern emanzipatorische und progressive Entwicklungen.
Verschwörungstheorien reproduzieren die Gewalt der herrschenden Systeme und Strukturen.
Verschwörungstheorien sind einfach scheiße und gehören kaputt gemacht.

Gegen dogmatischen Pazifismus, gegen militärisches Eingreifen

Vor ein paar Tagen stieß ich bei Twitter auf diesen Text. In dem Text wird, vor allem im Kontext des Krieges in Syrien, der dogmatische Pazifismus in Teilen der deutschen Linken kritisiert problematisiert. Es wird gesagt, dass sich die Linke „nicht stark [macht] für das, was notwendig ist“ und das was notwendig ist, soll ein Einsatz des Militärs sein.
Anhand des verlinkten Textes (dem ich nicht zustimme) möchte ich darstellen, warum ich denke, dass die Alternative zu einem dogmatischen Pazifismus nicht das Fordern eines militärischen Einmarsches ‚des Westens‘ sein sollte. Eine umfassende Kritik am Pazifismus würde in diesem Text zu weit führen und könnte nachgeholt werden. (Anarchistische Kritik – vor allem an der PKK – läßt sich u.a. hier finden.)

Der oben verlinkte Text beginnt damit, den Pazifismus als Bewegung für eine Welt ohne Krieg positiv zu bewerten, aber gleichzeitig wird der Pazifismus der deutschen Linke als „lähmend“ kritisiert. Da aufgrund dieses Dogmatismus „es die deutsche Linke nicht schafft, sich zu bedeutenden aktuellen Themen zu positionieren und die Forderungen zu stellen, die notwendig sind“. Diese „notwendigen Forderungen„, wie oben geschrieben, sind das militärische Eingreifen ausländischer Mächte aufgrund der Schutzlosigkeit der Zivilbevölkerung.
Zwar wird im Text anerkannt, dass bei so einem Eingriff äußerste Vorsicht geboten sein sollte, jedoch „stellt sich auch die Frage, wem die Konfliktfelder andernfalls überlassen werden„.
Der Text fährt fort und stellt die Behauptung auf, dass die ‚westlichen Staaten‘ wenigstens den Anspruch haben freiheitliche Werte zu vertreten und einer eigenen kritischen Öffentlichkeit gegenüberstehen würden, ganz im Gegensatz wie zum Beispiel die Länder Russland und China. Und da ist mein größter Kritikpunkt: Ja, ein dogmatischer Pazifimus muss abgelehnt werden, aber Nein, die Alternative ist nicht ein militärisches Einschreiten ‚des Westens‘.

Zuerst stellt sich die Frage, welche freiheitlichen Werte den da vertreten werden. Sind damit gemeint die Diskriminierung geschlechtlicher und sexueller Minderheiten? Sind mit „freiheitlichen Werten“ gemeint der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit eines Trumps, der AFD oder der Front National? Ist der ‚Partypatriotismus‘ der SPD damit gemeint? Ist die Zerstörung der Lebensgrundlage von Menschen in afrikanischen Ländern durch deutsche Exporte damit gemeint? Ist die Militarisierung autoritärer Staaten durch deutsche Firmen, deutsche Waffen und deutsches Personal damit gemeint? Welche sogenannten ‚Freiheitswerte‘ vertritt den der Westen? Es ist die ‚Freiheit‘ des Kapitalismus, es ist die ‚Freiheit‘ des Nationalismus, es ist die ‚Freiheit‘ des Patriarchalismus, es ist die ‚Freiheit‘ des Rassismus, und und und. Das heißt es wird die Freiheit des privilegierten Menschen verteidigt, das heißt die Freiheit des weißen, abled, hetero, cis-gender, ‚westlichen‘, etc etc Mannes. Der ‚Export‘ dieser ‚Freiheit‘ sollte nicht unterstützt werden. Denn ‚Export‘ heißt hier Soldaten, Panzer, Militärflugzeuge, Bomben, Dronen, etc. und ‚Freiheit‘ ist hier einfach nur ein anderes Ausbeutungssystem mit dem das alte Ausbeutungssystem ersetzt wird. Ganz im Stile des Kolonialismus entscheiden weiße Männer was für die Menschen tausende von Kilometer weit entfernt am besten sei.
Ich verstehe nicht, warum „die deutsche Linke“ das fordern sollte.
Genauso ist es vollkommen falsch, dass es im ‚Westen‘ eine starke kritische Öffentlichkeit geben würde. Natürlich werden Kritiker*innen nicht so unterdrückt, wie in den genannten Ländern Russland oder China, aber wirkliche Konsequenzen gibt es auch im Westen nicht. Da gibt es viele Beispiele: Der Terror des NSU, der Abhörskandal der NSA, Uli Hoeneß, Tihange 1 in Belgien, die Bombardierung von Krankenhäuser durch die USA, und und und.
Ich habe kein Verständnis dafür, wenn nach einem militärischen Eingreifen des ‚Westens‘ gerufen wird. Genauso wenig habe ich aber Verständnis für das Verhandeln wollen mit Unterdrücker*innen und Kriegsführer*innen aufgrund eines dogmatischen Pazifismus. Aber gibt es denn dann auch eine andere Lösung?

Meiner Meinung nach gibt es diese. Einerseits gibt es natürlich die Möglichkeit direkt vor Ort in Syrien, in den kurdischen Gebieten zu sein. Aber Solidarität und Unterstützung läßt sich auf viele verschiedene Weisen ausdrücken. Im Kampf gegen Krieg und gegen (den kapitalistischen, nationalistischen, sexistischen, etc) ‚Frieden‘ läßt sich vieles tun, Sabotageaktionen gegen zum Beispiel Rüstungsfirmen, Unterstützung einer kritischen Öffentlichkeit nicht um den Staat und seine Vertreter zu überzeugen, sondern die Menschen um einen herum, Widerstand gegen Waffenlieferungen, humanitäre Hilfe in den Gebieten des Krieges, Streiks, Demonstrationen, etc. etc. Vielleicht ist dieser Weg nicht die effizienteste Weise Kriege zu beenden. Aber die effizienteste Weise ist oft nicht die beste, denn am schnellsten ließe sich der Krieg in Syrien mit einer Atombome beenden. Um die Gesamtscheiße um uns herum nicht zu reproduzieren ist es vielleicht zwingend nötig nicht effizient zu handeln, sondern verantwortungsvoll, eigenständig und sich ihrer*seiner selbst bewusst.