Archiv für den Monat März 2017

Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 2)

Weil das Buch so fesselnd¹ und spannend² war, bin ich mit dem Lesen zügiger als befüchtet.
¹belastend
²queerfeindlich

Zuerst mal zu ein paar ‚Rückmeldungen‘ (Patsy L’Amour Lalove würde sowas wohl als Beissreflexe bezeichnen, aber da es keine Rückmeldungen aus der im Buch kritisierten Szene war, sind es wohl ganz normale Reaktionen).
1) Nein ich hab schon weiter gelesen als nur „Titel und Einband“.
2) Ja, „Kraft weg“ war so, weil es halt verdammt kraftkostend ist, sich mit Queerfeindlichkeit (+Ableismus, +antimuslimischen Rassismus, +Religionsfeindlichkeit) auseinanderzusetzen.
Nun aber weiter zum Buch. Es sind ungefähr 30 Seiten über die ich hier
heute schreiben möchte und ich habe keine Ahnung, wie alles was ich dazu sagen möchte in einen nicht allzu überlangen Text hineinpassen soll.

Anstatt das Vorwort und die Einleitung also von vorne nach hinten durchzuarbeiten, möchte ich ein wenig sortiert arbeiten.
Zuallerst also kleinere Fragestellungen (bei denen kann es sein, dass sie weiter hinten im Buch noch beantwortet werden oder wie vieles zurzeit einfach als Behauptungen in einen luftleeren Raum gestellt werden).
a)Patsy L’Amour Lalove schreibt immer wieder davon, dass queer wieder persvers gemacht werden soll (u.a. S. 11). Aber wieso sollen alle queeren Leute sich selbst als pervers bezeichnen, vor allem wenn die Mehrheitsgesellschaft dies schon tut um uns zu unterdrücken? Kann nicht jede*r selber entscheiden ob si*er sich pervers nennen möchte oder nicht?
b)Der bisherige Fokus liegt vor allem auf Homosexualität, schwul/lesbisch sein, etc, zwar werden hin und wieder auch das Wort trans genutzt (wobei es für mich eher so als „naja müssen wir halt auch nennen“ rüberkommt), aber wo sind bi, pan, ace, etc Personen? Wo sind inter Personen? Bisher scheint es mir, als ob es in dem Buch nur um einen konstruierten Kampf zwischen lesbisch/schwulen gegen trans Personen geht. Wobei halt schon allein die Unterscheidung zwischen schwulen/lesbischen und trans Personen falsch und transfeindlich ist.
c)Im Buch wird die Metapher von queerfem. Gruppen als inquistorische oder sektenhafte Religion echt überstrapaziert. Sie findet sich gefühlt auf fast jeder zweiten oder dritten Seite. Dabei wurde schon bei den ersten ein bis zwei Malen klar, dass eine wichtige ideologische Grundlage des Buches Religionsfeindlichkeit ist. Da gibts wohl auch einen gewissen Zusammenhang mit dem antimuslimischen Rassismus, der beim Lesen aus den Seiten fast schon herausquillt.
d)Wenn es diese queeren Sprechverbote wirklich geben würde, warum konnte dann dieses Buch durch „die freundliche Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Gesellschaft“ ermöglicht werden? Warum habt ihr eine solche Social Media Reichweite, dass es keinen online Ort gibt, an dem eins nicht auf euch stößt? Ihr habt nicht nur durch verschiedenste Zeitschriften Offline Präsenz. Queere Sprechverbote sind doch eure Erfindung, euer feuchter Traum, euer Kampfbegriff um euch als die standhaften Gallier zu inszenieren, als die Spartaner die eine persische Übermacht besiegten, als Rebellen und Untergrundkämpfer, die wegen der bösen Queer-Mafia um ihr Überleben füchrten müssen.
d)Die ganzen Kommentare zu Hengameh Yaghoobifarah sind auch weniger inhaltlicher Natur und haben mehr den Klang von Menschen, die auch sagen ‚Es gibt Rassismus gegen Weiß‘, ‚Männer sind genauso diskriminiert wie Frauen‘ und ‚Unser antimuslimischer Rassismus ist gar kein Rassimus sondern Islamkritk, weil der Islam ist böse und es gibt keinen anitmuslimischen Rassismus‘.
e)Wenn einer der Hauptaussagen des Buches ist, dass mehr Diversität (aber halt auch nur bei den Meinungen und ja gar nicht, wie Diversity im üblichen Sinne verstanden wird. Denn natürlich soll die queere Szene schön, weiß und schwul/lesbisch sein.) in queerer Szene gefordert wird, dann stellt doch die Ereignisse rund um die Queeren Hochschultage 2013 nicht so einseitig dar. [Einer der im Buch kritisierten Blogs ist übrigens dieser, von da aus finden sich auch weitere Texte, die nicht dem einseitigen Narrativ von ‚Beissreflexe‘ folgen].
f)Die Forderung, dass Queer „selbstbewusst offen auftretende[] Homo-, Bisexueller [ja eine der seltenen Erwähnung bi Personen bisher] und Transleute“ sein soll finde ich daneben. Ob Leute selbstbewusst auftreten wollen oder können ist deren Sache und darüber zu richten ist ziemlich scheiße.
g)Die Beschreibung der angeblichen Forderungen der Queer-Community als „promisk, keine Zweierbeziehungen, keine Interesse an beruflichen Erfolg, keine modische Kleidung, kein Begehren gegenüber normativ schönen Menschen, keine Eifersucht und dergleichen mehr“ sind doch auch nur lächerlich und bewegt sich mehr auf dem Niveau des Die Zeit-Artikels über Antideutsche. Ähnlich die Behauptung es gäbe in der queerfem. Szene keine Streitereien.
h) Die Behauptung, dass „als altbacken und reaktionär abgewertete […] Transleute“ des letzten Jahrhundert zum „politischen Selbstverständnis“ gehört, ist dann auch nur noch reine Diffamierung und keines weiteren Kommentars wert als Shoutouts vor allem an Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera und die ganzen anderen wunderbaren Personen aus den Zeiten der Riots und des Aktivismus rund um die Stonewall Riots, sowie an all die ‚älteren‘ (Wobei ‚älter‘ ja auch mehr soziales Konstrukt ist, als was anderes) queeren Personen, von denen ich so viel gelernt habe darunter auch und vor allem Mika Murstein und Laura Jane Grace.
i)Der Angriff gegen anti-lookistischen Aktivismus im Buch ist übrigens auch sehr scheiße. Das kommt jetzt leider wie so nebenbei gesagt herüber, aber bei dem Buch und seiner Feindlichkeit fehlen mir manchmal die Worte.
j)Der verwendete Begriff ‚autoritär‘ im Buch scheint sich auch mehr übersetzen zu lassen, als ‚radikal Räume für marginalisierte Personen/Gruppen zu schaffen entgegen gesetzt zu Herrschaftsstrukturen zu handeln‘.

Aus den ‚kleineren Fragestellungen‘ ist jetzt doch ein großer Haufen geworden und dabei möchte ich noch vier andere Sachen gesondert ansprechen:
1)Die Kritik an Konzepten wie Critical Whiteness und Cultural Appropriation befindet sich auf einen unterirdischen Niveau a la Jungle World. Menschen, denen Aussagen, die fast klingen wie ‚Critical Whiteness ist Rassismus gegen Weiße !!!11!!“ zu stumpf und lächerlich sind, sei dringenst empfholen Meinungen von Autor*innen wie Hengameh Yaghoobifarah zu lesen, wo es ein wenig differenzierter um diese Themen geht.
2)Der nächste Punkt ist jetzt wieder einer der bösen Beissreflexe, aber ich komm nicht umher es einmal deutlich anzusprechen. Wer davon schreibt „Aufklärung“ über „Anwandlungen […], die als ‚queer‘ oder ‚queerfeministisch‘ firmieren“ zu betreiben; Formulierungen in den Mund nimmt, die an ‚Schuldkult‘-Rufe von Rechten erinnern; von Sprechverboten faselt, wie Free-speech-Aktivist*innen in den USA; sich darüber beschwert, kritisiert zu werden, wenn si*er nicht mehr ohne Margnialisierte über Marginalisierte sprechen zu können; di*er sollte ganz deutlich klarmachen, wo der deutliche Unterschied zwischen der eigenen Person und der oben genannten Gruppen liegt. Im Buch geschieht dies nicht. Und damit muss dieses Buch zu dem reaktionären/autoritären Backlash gewertet werden, den marginalisierte Personen zur Zeit so heftig erleben.
3)Was sind das für Leute, die beim Thema ‚Safe Spaces‘ über ‚ein Recht auf Konflikte‘ reden? Unter anderem sind das Personen, die Bücher, wie ‚Beissreflexe‘ herausgeben. Die ganze Kritik an Safe Spaces im Buch ist ziemlich zusammenhangslos. Erst wird kritisiert, dass es keine absolut sicheren Spaces gibt, aber dann wird kritisiert, wenn Aktivist*innen Regeln aufstellen um die Safe Spaces wenigstens sicherer zu machen als die Welt außerhalb. Anscheinend geht es nur um reines Bashing gegen Konzepte, wie ‚Safer Spaces‘, denn dort wird ja die dominante Stellung von Menschen angegriffen, die u.a. dieses Buch geschrieben haben (abled, weiß, männlich, cis).
Sowieso wäre eine zimelich gute Zusammenfassung des Buches bisher: „Hilfe, Hilfe die bösen Queers nehmen mir meine Privilegien und meine Vorrangstellung weg“.
4)Zuletzt ein kurzer Weg in die Semiotik (Zeichenlehre). Alles was wir sehen, hören, etc sind Zeichen. Das kann etwas offensichtliches wie ein Verkehrszeichen sein, aber auch Schriftgrößen auf Zeitungen, Frisuren (ua. halt auch Dreadlocks, was wichtig für Konzepte wie Cultural Appropriation ist), etc. Ein Zeichen verweist immer auf etwas. Meistens wird vereinfacht gesagt, dass ein Zeichen auf eine bestimmte Bedeutung, Aussage, etc verweist, aber eigentlich ist das auch wieder ein Zeichen. Dies ist aber eher nebensächlich für meinen Kritikpunkt.
Im Buch wird sich beschwert darüber, das schon die Anwesenheit bestimmter Personengruppen (zum Beispiel weiße und/oder cis Menschen) als gewalt gelesen würde. Ganz konkret spricht Patsy L’Amour Lalove davon, dass es wäre als „ginge eine düstere Zauberkraft“ von manchen Personen aus. Wenn wir jetzt aber Zeichentheorie anwenden, dann steht cis und weiß für etwas anderes (das kann für unterschiedliche Menschen unterschieldiches sein). Für mich und andere Menschen verweist cis auf Gewalterfahrungen, Diskriminierungen, etc. Es bedeutet nichts über das Individuum was dann in diesem Moment vor mir steht. Das kann ein Ally sein oder nicht, das weiß ich vielleicht gar nicht. Aber die einfache Anwesenheit von cis personen bedeutet für mich, dass da auch (potenzielle, aber auch reale) Diskriminierungen und Gewalt mit anwesend ist.

So das war jetzt ein etwas langer Text, dabei habe ich gar nicht alles angesprochen, was ich hätte ansprechen können. Ich bin auch nicht so ausführlich geworden, wie ich an manchen Stellen wollte. Der nächste Teil kommt wohl Anfang nächster Woche.
Vieles Grundlegendes sollte jetzt wohl auch hoffentlich besprochen sein und dann werden zukünftige Texte hoffentlich auch wieder kürzer.

Hier geht es zu Teil 3

Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 1)

)Vor kurzem ist das Buch „Beissreflexe“ (herausgegeben von Patsy L’Amour Lalove) erschienen. In dem Buch sind, unter dem dem Untertitel „Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“, 27 Artikel veröffentlicht.
Ich möchte hier in einer ganzen Reihe das Buch besprechen und wahrscheinlich vor allem kritisieren, da nicht nur verschiedenste Diskussionen vor Erscheinen des Buches darauf hinweisen, dass das Buch wohl mehr als nur teilweise problematisch ist und ich eine zu der Gruppe von Personen gehöre, die in dem Buch stark kritisiert angegriffen werden. Dabei werde ich heute nur allgemein etwas sagen und kurz auf das Vorwort eingehen und in den kommenden Tagen und Wochen erst auf den einleitenden Artikel und dann jeweils auf die einzelnen Kapitel, die jeweils aus 2-5 einzelnen Artikeln bestehen.

Zuallererst kurz etwas zum Titel und dem erklärten Ziel des Buches. Um einmal den Text auf dem Buchrücken zu zitieren: „In 27 Artikeln kritisiert [Hervorhebung durch mich] Beissreflexe…“. Eine Kritik „Beissreflexe“ zu nennen zeigt natürlich, dass das Ziel wohl nicht sein kann einen gemeinsamen Kompromiss zu finden oder ähnliches. Viel mehr wird hier deutlich, dass die Kritik wohl eher einem Manifest der grundlegenden Ablehnung von der „autoritären Variante von Queer“ (zitiert nach dem Buchrücken) ähneln wird.
Der erste Satz auf dem Buchrücken scheint aber schon noch deutlicher den Ton des Buches zu verraten: „Queer greift heterosexuelle Normativität an.“ Auf den ersten Blick scheint das ein wunderbarer Satz zu sein. Ein Satz, den ich auch selber sagen würde. Aber auf den zweiten Blick wird etwas deutlich, wenn Queer nur heterosexuelle Normativität angreift, was ist dann Queer? Queer scheint nur das zu sein was nicht heterosexuell ist. Was ist aber mit trans Personen? Was ist mit inter Personen? Die sind anscheinend erstmal nebensächlich. Hier zeigt sich schon das erste Anzeichen der Homonormativität, welche sich weiter durch das Buch ziehen wird. Ironischerweise ist wohl eins der Themen des Buches eine Kritik am Begriff ‚Homonormativität‘, da dieser homofeindlich sein soll.

Der erste Satz des Vorwortes legt dann direkt nochmal eine Schippe drauf und stellt die Behauptung auf, dass queere Praxis „nicht viel mehr [ist] als eine ritualisierte Ablehnung anderer politisch engagierter Homosexueller und Linker“. Queerer Aktivismus würde sich in „autoritäre[n] Sehnsüchte[n] durch Sprech-, Denk-, oder Bekleidungsverbote[n] ausdrücken“ (Seite 9). Neben diesen (erstmal) unbegründeten Vorwürfen, die an die Vorwürfe aus konservativer, rechter Ecke erinnern, ist aber noch nicht Schluss. Anstatt sich in irgendeiner Form abzugrenzen von der Ähnlichkeit zur Sprache aus transfeindlichem, rassistischen, sexistischen, ableistischen, antisemitischen, etc Diskursen (im folgenden werde ich dies immer abkürzen als *feindliche Diskurse), kommt nun Religionsfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus. Denn anstatt, dass Patriarchalismus, Homo- und Transfeindlichkeit, etc als Grund für Gewalt benannt wird, ist es „der politische Islam“, beispielsweise der Islam (Seite 9f.) an sich.
Diese Kritikpunkte der Ähnlichkeit der im Buch verwendeten Sprache, sowie der von rassistischen und/oder queerfeindlichen Gruppen/Menschen sind aber ja nur autoritäre Beissreflexe, wie ich später im Buch belehrt werde. Aber nach der Meinung von Patsy L’Amour Lalove gibt es ein Verbot den Islam zu kritisieren (Seite 10) und der allgegenwärtige antimuslimische Rassismus in Parlamenten bis hin zu Medien und Stammtischen ist wohl nur erfunden…
Hier möchte ich die Betrachtung erstmal abschließen, da mir die Kraft fehlt weiter zu schreiben über dieses Buch. Nicht nur der Ableismus, der sich nicht nur in einzelnen verwendeten Wörtern zeigt, sondern auch der allgemeine Duktus, der den Texten gleicht, die sich über Political Correctnes aufregen, beispielsweise über die Sprachpolizei, sind extrem verletzend und belastend.

Der Titel „Beissreflexe“ ist aber wohl trotzdem ein sehr gut gewählt er Titel, den etwas anderes habe ich bisher nicht im Text gefunden, als die üblichen Beissreflexe der diskriminierenden Mehrheiten, die ihre Privilegien von sich wehrenden, diskriminierten Minderheiten bedroht sehen.
Ich bin leider nicht bis zum Schluss des Vorwortes gekommen, wie geplant war und werde das wohl zusammen abhandeln mit dem Teil zur Einleitung des Buches.

P.S.: trans ist ein Adjektiv. Es heißt also nicht „Transleute“, sondern trans Leute.

Hier geht es übrigens weiter zu Teil 2.

Ein Kommentar über hierarchisierende Oppositionspaare

Du bist ein Mann, sagen sie mir
Nein
Aber du bist keine Frau
Nein

Sie lachen
Sie bestrafen
Ich habe ihre Regeln gebrochen

Mann oder Frau
Gesund oder Krank
Gut und normal
oder
Böse und verachtenswert
Ihre Welt

Ihre Wirklichkeit

Wer bin ich?
Ich bin weder noch
Da ist kein Platz für weder noch

Ihre Macht
ist meine Unterdrückung

Sie sind gesund,
weil ich krank bin
Sie sind gut,weil ich böse bin
Sie sind vernünftig,
weil ich wahnsinnig bin
Sie sind normal,
weil ich es nicht bin

Ich mach nicht mit
Breche ihre Regeln
ICH BIN ICH

Sie lachen
Sie bestrafen
Ich habe die Regeln gebrochen
Sie bestrafen
Sie bestrafen
Sie bestrafen

There is still the easy way out