Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 1)

)Vor kurzem ist das Buch „Beissreflexe“ (herausgegeben von Patsy L’Amour Lalove) erschienen. In dem Buch sind, unter dem dem Untertitel „Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“, 27 Artikel veröffentlicht.
Ich möchte hier in einer ganzen Reihe das Buch besprechen und wahrscheinlich vor allem kritisieren, da nicht nur verschiedenste Diskussionen vor Erscheinen des Buches darauf hinweisen, dass das Buch wohl mehr als nur teilweise problematisch ist und ich eine zu der Gruppe von Personen gehöre, die in dem Buch stark kritisiert angegriffen werden. Dabei werde ich heute nur allgemein etwas sagen und kurz auf das Vorwort eingehen und in den kommenden Tagen und Wochen erst auf den einleitenden Artikel und dann jeweils auf die einzelnen Kapitel, die jeweils aus 2-5 einzelnen Artikeln bestehen.

Zuallererst kurz etwas zum Titel und dem erklärten Ziel des Buches. Um einmal den Text auf dem Buchrücken zu zitieren: „In 27 Artikeln kritisiert [Hervorhebung durch mich] Beissreflexe…“. Eine Kritik „Beissreflexe“ zu nennen zeigt natürlich, dass das Ziel wohl nicht sein kann einen gemeinsamen Kompromiss zu finden oder ähnliches. Viel mehr wird hier deutlich, dass die Kritik wohl eher einem Manifest der grundlegenden Ablehnung von der „autoritären Variante von Queer“ (zitiert nach dem Buchrücken) ähneln wird.
Der erste Satz auf dem Buchrücken scheint aber schon noch deutlicher den Ton des Buches zu verraten: „Queer greift heterosexuelle Normativität an.“ Auf den ersten Blick scheint das ein wunderbarer Satz zu sein. Ein Satz, den ich auch selber sagen würde. Aber auf den zweiten Blick wird etwas deutlich, wenn Queer nur heterosexuelle Normativität angreift, was ist dann Queer? Queer scheint nur das zu sein was nicht heterosexuell ist. Was ist aber mit trans Personen? Was ist mit inter Personen? Die sind anscheinend erstmal nebensächlich. Hier zeigt sich schon das erste Anzeichen der Homonormativität, welche sich weiter durch das Buch ziehen wird. Ironischerweise ist wohl eins der Themen des Buches eine Kritik am Begriff ‚Homonormativität‘, da dieser homofeindlich sein soll.

Der erste Satz des Vorwortes legt dann direkt nochmal eine Schippe drauf und stellt die Behauptung auf, dass queere Praxis „nicht viel mehr [ist] als eine ritualisierte Ablehnung anderer politisch engagierter Homosexueller und Linker“. Queerer Aktivismus würde sich in „autoritäre[n] Sehnsüchte[n] durch Sprech-, Denk-, oder Bekleidungsverbote[n] ausdrücken“ (Seite 9). Neben diesen (erstmal) unbegründeten Vorwürfen, die an die Vorwürfe aus konservativer, rechter Ecke erinnern, ist aber noch nicht Schluss. Anstatt sich in irgendeiner Form abzugrenzen von der Ähnlichkeit zur Sprache aus transfeindlichem, rassistischen, sexistischen, ableistischen, antisemitischen, etc Diskursen (im folgenden werde ich dies immer abkürzen als *feindliche Diskurse), kommt nun Religionsfeindlichkeit und antimuslimischen Rassismus. Denn anstatt, dass Patriarchalismus, Homo- und Transfeindlichkeit, etc als Grund für Gewalt benannt wird, ist es „der politische Islam“, beispielsweise der Islam (Seite 9f.) an sich.
Diese Kritikpunkte der Ähnlichkeit der im Buch verwendeten Sprache, sowie der von rassistischen und/oder queerfeindlichen Gruppen/Menschen sind aber ja nur autoritäre Beissreflexe, wie ich später im Buch belehrt werde. Aber nach der Meinung von Patsy L’Amour Lalove gibt es ein Verbot den Islam zu kritisieren (Seite 10) und der allgegenwärtige antimuslimische Rassismus in Parlamenten bis hin zu Medien und Stammtischen ist wohl nur erfunden…
Hier möchte ich die Betrachtung erstmal abschließen, da mir die Kraft fehlt weiter zu schreiben über dieses Buch. Nicht nur der Ableismus, der sich nicht nur in einzelnen verwendeten Wörtern zeigt, sondern auch der allgemeine Duktus, der den Texten gleicht, die sich über Political Correctnes aufregen, beispielsweise über die Sprachpolizei, sind extrem verletzend und belastend.

Der Titel „Beissreflexe“ ist aber wohl trotzdem ein sehr gut gewählt er Titel, den etwas anderes habe ich bisher nicht im Text gefunden, als die üblichen Beissreflexe der diskriminierenden Mehrheiten, die ihre Privilegien von sich wehrenden, diskriminierten Minderheiten bedroht sehen.
Ich bin leider nicht bis zum Schluss des Vorwortes gekommen, wie geplant war und werde das wohl zusammen abhandeln mit dem Teil zur Einleitung des Buches.

P.S.: trans ist ein Adjektiv. Es heißt also nicht „Transleute“, sondern trans Leute.

Hier geht es übrigens weiter zu Teil 2.

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21 Gedanken zu „Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 1)

    1. KuchenStattSex Autor

      Gruppenbezogene Feindlichkeit gegen Menschen,die religiös/gläubig sind. Diese werden wegen ihrer Gläubigkeit/Religiösität u.a. als irre/böse/dumm/gewalttätig/misogyn/sexistisch/etc bezeichnet und schlechter behandelt, ausgeschlossen, vertrieben, Gewalt angetan. Religionsfeindlichkeit hängt oft zusammen mit Ableismus und Klassismus, oder (auf spezifische Religionen bezogen) mit antimuslimischen Rassismus oder Antisemitismus.

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      1. Danny

        Wenn ich also sagen würde: „Die christliche Religion basiert auf patriarchalen Strukturen und ist durch und durch sexistisch. Menschen die, die sich dieser autoritären Glaubensgemeinschaft anschließen reproduzieren damit sexistische Verhältnisse“, dann wäre das Religionsfeindlich?

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      2. KuchenStattSex Autor

        „basiert auf patriarchalen Strukturen“ – Ja, insofern in Betracht gezogen wird, dass wir nur aus zweiter Hand über Jesus wissen und auf jedenfall die Autoren der Bücher/Briefe des Neuen Testaments patriarchal sozialisiert waren und patriarchale Normen in ihren Texten stecken und durch sie weitergegeben werden.
        „Christliche Religion ist durch und durch sexistisch“ – ist einfach falsch, du schließt von den Glaubensgrundlagen einzelner Richtungen/Bewegungen christlicher Religionen auf alle.
        Nicht jeder glaube/jede Religion ist autoritär und schon gar nicht Glaube/Religion an sich. Das wäre halt so typisch religionsfeindlicher Kommentar.
        Menschen reproduzieren auch keinen Sexismus durch ihre reine Glaubenszugehörigkeit oder sind sexistisch deshalb. Menschen reproduzieren Sexismus, weil sie sexistisch sind.

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      3. Danny

        Wer teil wird von einer autoritären Glaubensgemeinschaft, und das ist das Christentum nun mal, das ist doch der Kern dieser Religion, auch wenn du das gerne abstreiten magst, dann reproduziere ich diese patriarchalen Verhältnisse nicht mit?

        Das Christentum ist per Definition ohne die Bibel nicht denkbar. Eine wahrlich widerliche Schrift. Hass, Gewalt, Frauenverachtung etc. pp.

        Wenn ich einen sexistischen Rapper unterstütze wäre das auch problemlos?

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      4. KuchenStattSex Autor

        Wer Teil von autoritären Glaubensgruppen/bewegungen ist und dann die autoritären Verhältnisse dort nicht ablehnt und sogar bekämpft, di*er ist auf jedenfall zu kritisieren.
        Christliche Religionen müssen nicht per se patriarchal sein, da wir nun mal nur die aus zweiter Hand Schriften haben über Jesus Christus und so extrem viel Interpretationsspielraum und da gibt es genügend antiautoritären Interpretationen bis hin zu anarchistischen.
        Und der Vergleich mit einem Rapper simplifiziert Religion halt schon extrem.

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      5. muecke

        Patsy L’Amour LaLove spricht von Religionskritik. Es wird schwierig, wenn die Kritik an einem Gegenstand nicht mehr getrennt wird von Feindschaft. Dann ist jede Analyse obsolet. Die Begründete Zuschreibung „sexistisch“, wenn sie auf der Basis einer nachvollziehbaren Analyse passiert und diskutierbar ist, ist keine Diskrimierung oder Feindschaft. Sonst könntest du all deine benennenden Zuschreibenden, auf die du dich in deiner Kritik berufst, ja auch nicht mehr verwenden.
        Interessant finde ich deine Aussage „Menschen reproduzieren auch keinen Sexismus durch ihre reine Glaubenszugehörigkeit“. Wird nicht ständig durch alles Realität reproduziert, zumindest in dieser Ausformung des Queerfeminismus, von dem du dich als Teil siehst? Du verweist auf Sprache, die möglichst vorsichtig verwendet werden muss, da sie Realität schafft und weiße Menschen reproduzieren mit kultureller Aneignung, also z.B. dem Tragen bestimmter Klamotten, Rassismus, Männer reproduzieren quasi durch ihre Anwesenheit in bestimmten Räumen Gewalt, aber an eine Religion, deren Grundlage (die Bibel, ohne die geht’s nicht) patriarchal und sexistisch ist zu glauben und danach zu handeln und zu leben, reproduziert dann keinen Sexismus? Das scheint mir nicht sehr konsistent.

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  1. Janka

    „P.S.: trans ist ein Adjektiv. Es heißt also nicht „Transleute“, sondern trans Leute.“
    Schwarz ist ein Adjektiv. Es heißt also nicht „Schwarzbär“, sondern schwarz Bär. Wo bin ich hier gelandet …

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    1. KuchenStattSex Autor

      Genau und es heißt nicht weiße Frauen, sondern Weißfrauen, nicht religiöse Menschen, sondern Religiösmensch und nicht blaue Pflanzen, sondern Blaupflanzen.
      P.S. nicht alle schwarzen Bären sind Schwarzbären…

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  2. Janka

    Trans ist ausschließlich eine Vorsilbe, Transportieren, transatlantisch etc., und kein Adjektiv. Der adjektivische Gebrauch, den Du hier belehrend als Norm vorgibst, ist falsches, umgangssprachliches Deutsch. Ein korrekter adjektivischer Gebrauch wäre transsexuelle Leute, was aber wiederum auf inhaltliche Kritik stoßen würde, wenn ich richtig informiert bin.

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    1. KuchenStattSex Autor

      Tell me more about your präskriptive Grammatik und Rechtschreibung…
      Sprache ist nicht so fest, einseitig und starr wie du sie gerade beschreibst.

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      1. boku

        „P.S.: trans ist ein Adjektiv. Es heißt also nicht „Transleute“, sondern trans Leute.“

        „Tell me more about your präskriptive Grammatik und Rechtschreibung…
        Sprache ist nicht so fest, einseitig und starr wie du sie gerade beschreibst.“

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      2. Daddl

        @KuchenStattSex: Was schreibst du nur für einen Blödsinn!? Wenn das Präfix „trans“ in Verbindung mit einem Nomen gebracht wird entsteht lediglich ein Kompositum wie z.B. „Vorfahrt“, „Durchdringung“, „Unterstand“, etc. Es ist kein Adjektiv und verrät lediglich etwas über deinen unsensiblen, unreflektierten und abstrusen Umgang mit Sprache. Wie es überhaupt scheint, dass du, sobald Gegenargumente zu deinen kruden und schwach argumentierten Thesen formuliert werden, dich auf äußerst vages „blabla“ (siehe deine Kommentare zu „Religionsfeindlichkeit“) zurückziehst und sehr ins Schwimmen mit deinen Argumentationslinien kommst. Natürlich gibt es Religionsfeindlichkeit, aber eine grundsätzliche Kritik der Religion ist nicht nur zulässig sondern notwendig um den von dir beklagten Rassismus, Sexismus, Patriarchalismus, etc. auf den Grund gehen zu können. Religion, gleich welcher Couleur, ist in erster Linie Kulturpraxis, die es zu verändern gilt.

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      3. KuchenStattSex Autor

        Da ‚trans‘ einfach nur kurz von transgender ist, ist es ein Adjektiv. Genauso wenig, wie Weißfrauen sondern weiße Frauen, Großmänner sondern große Männer, gesagt wird, heißt es halt auch nicht Transfrauen, sondern trans Frauen.
        Wenn du „grundsätzliche Religionskritik“ so verstehst, dass jedes Konstrukt immer kritisch beäugt werden muss, dann würde ich dir zustimmen, wenn sich die „grundsätzliche Religionskritik“ speist aus einer grundlegenden Ablehnung von Religion, oder mit dem Ziel Religion an sich abzuschaffen, dann nicht.

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