Archiv für den Monat April 2017

Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 5)

Hier geht es zu den ersten Teilen: Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

Wie im letzten Text angekündigt, werde ich nun zwei Texte zusammenfassen. Das ist einmal der Text Tuntenfeindlichkeit und Emanziptaionsverbote für Lesben, Schwule, Trans* und Inter? Die Auswirkungen eines „Transradikalen CSD“ auf den Mainzer CSD 2016 und Stonewall hieß Angriff. Zur antiemanzipativen Wende in der Queer Theory. Bei beiden Texte geht es u.a. auch um das Konzept ‚Homonormativität‘.
Benedikt Wolf wirft im zweiten Text den Menschen, welche das Wort ‚Homonormativität‘ benutzen, Spaltung vor (vgl. u.a. S. 140/142). Dies ist typisch für Beissreflexe. Es wird eine – vor allem historisch gesehen – geeinte Queere Szene gesehen, die Queerfeminist*innen gespalten hätten. Dabei wird beflissentlich übersehen, dass es nie eine dermaßen geeinte queere Szene gab. Disabled Queers wurden von abled Queers ausgeschlossen, queere PoC von weißen Queers, trans People durch cis queers, Sexworker*innen durch bürgerliche, etc etc. Vor allem im Mittelpunkt von ‚queerer‘ Bürgerrechtsbewegung waren cis-weiß-schwule Aktivisten. Es war nie ein gemeinsamer Kampf. Im Bericht zum CSD 2016 in Mainz wird berichtet, wie Aktivist*innen Strukturen offen und forsch (vielleicht auch aggressiv) kritisiert/angegriffen haben. Der Autor fordert im Text, dass sich die Aktivist*innen sich mit den etablierten Menschen in dem Organisationsteam des CSD in Verbindung hätten setzen sollen (vgl. S. 134). Dies finde wahrscheinlich nicht nur ich unangebracht (freundlich ausgedrückt).
Wie oben beschrieben gibt es eine gewisse Geschichte der Ausgrenzung von mehrfach marginalisierten Menschen innerhalb queerer Gruppen und Bewegungen. Dabei ist dann auch das Wort ‚Homornormativität‘ entstanden. In Beissreflexe wird zwar behauptet, dass der Begriff 2002 von Dugan eingeführt wurden ist (vgl. 141), was aber so nicht ganz richtig ist. Wer sich nur einmal etwas weiter mit dem Begriff ‚Homonormativität‘ beschäftigt und sich zum Beispiel den Wikipedia-Artikel anguckt, di*er stößt auf einen Artikel von Susan Stryker. Transgender History, Homonormativity, and Disciplinarity wurde 2008 in der Radical History Review veröffentlicht (zugegeben ist es nicht einfach auf den Artikel zuzugreifen). Dort schreibt Susan Stryker u.a. davon, dass sie den Begriff schon ca. 15 Jahre zuvor gehört und benutzt hat (Radical History Review, S. 145). So viel also zu der guten Recherche, die das Neue Deutschland in Beissreflexe sieht (Wer nicht weiß, worauf ich mich beziehe, kann sich die unsägliche, ekelhafte Rezension durchlesen, auf die ich mich beziehe: Link).
Wenn also behauptet wird, dass die Bennenung von Homonormativität zur Spaltung benutzt werden würde, der redet transfeindlichen Unsinn. Die Spaltung fand schon vorher statt. Die Spaltung fand/findet statt, wenn trans als eigenes Geschlecht/sexuelle Orientierung konstruiert wurde. Daraus folgen dann die ganzen bekannten Umfrage, die bei Geschlecht nach männlich, weiblich oder transgender fragen oder bei sexueller Orientierung nach hetero, homo oder transgender fragen. Die Spaltung fand statt als sich weiße, cis Schwule in den Mittelpunkt stellten. Die Spaltung fand statt als es weiße, cis Schwule wichtiger fanden ihre Ziele durchzusetzen, egal ob dies weitere Unterdrückung für andere queere Menschen bedeuten würde.
Das Wort Hormonormativität ist wichtig um toxische Strukturen innerhalb queerer Gruppen zu benennen. Es geht dabei mehr um innere Herrschaftsverhältnisse, als von außen. Es könnte schon fast als Sprechverbot bezeichnet werden, wie bestimmte, privilegiertere Gruppen versuchen andereren queeren Gruppen zu verbieten, über Herrschaftsstrukturen innerhalb der Szene zu sprechen. [Ich möchte noch diesen Artikel empfehlen zum Thema Hormonormativität. Jedoch vorher ein wichtiger Hinweis: Der letzte Abschnitt zu Homonationalism in Israel ist antisemitisch: Link]
Im Text Tuntenfeindlichkeit und Emanziptaionsverbote für Lesben, Schwule, Trans* und Inter? Die Auswirkungen eins“Transradikalen CSD auf den Mainzer CSD 2016 wird davon berichtet, dass gefordert wurde, dass eine Gruppe gefordert hatte, dass auf dem CSD keine Männer mehr sein sollten, die „sich schminken und Frauenkleider anziehen“ (S. 135). Diese Forderung lehnt der Autor vehement ab. Während natürlich das brechen von gender norms zu begrüßen ist und auch Leute sich ganz nach ihrem Geschmack kleiden sollen können, geht es bei derartigen Forderungen nicht darum dieses zu verbieten. Es geht darum Transmisogynie zu kritisieren. Es ist eine historische Tatsache, dass Männer zum Witz sich als Frauen verkleiden. Diese transmisogyne Tradition verstärkt den Narrativ, dass trans Frauen, nur Männer in Frauenkleidern seien und ist deshalb abzulehnen, wie es vielleicht auch die Grupe auf dem CSD gefordert hat. Leider war es nicht möglich eine Mitschrift der Rede aufzutreiben und Beissreflexe hat mit den bisherigen einseitigen und teilweise falschen Darstellungen nicht für Vertrauen gesorgt, dass diesem Bericht unüberprüft geglaubt werden kann. [Hier ist noch ein Artikel zum transmisogynen Verkleiden von Männern als Frauen: Link 1 (CW: benutzt leider -phobic; Link 2]

Als nächstes kommt der Text: „Antiimperialistischer Egalitarismus“. Akademisch-aktivivistischer Beifall für globale Frauenverachtung von Vojin Saša Vukadinović. Dieser Text würde, wenn in aller Einzelheit besprochen, so ziemlich jeden queerfeindlichen Narrativ aufweisen, der sich auch irgendwo an anderer Stelle im Buch findenn lässt. Anhand an Beispielen von problematischen Ereignissen innerhalb ‚der‘ queeren Szene, wird der ganzen queeren Szene allerhand Dinge attestiert, u.a. Rassismus, Antisemitismus, etc. Ich habe aber weder Zeit, Lust noch Kraft einen so offensichtlich aus reinem Hass aufgebauten Artikel, der nur dazu da ist, Leuten möglichst viele Gründe, zusammen mit einem eingängigen ‚Argumentation’sgang, zu geben, damit diese ihre Queerfeindichkeit entschuldigen und rechtferitgen können.

In dem Text Die schwule Gefahr. Von einem queeren Buch gegen homosexuelle Sichtbarkeit rezensiert Patsy L’Amour Lalove das Buch Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität von Zülfukar Çetin und Heinz-Jürgen Voß.
Wenn nur dem Text geglaubt wird, dann ist das Buch „gegen die Homosexualität an un für sich“ (S. 160). Da ich das Buch leider nicht gelesen habe, kann ich nur auf die Dinge vertrauen , die mir vorliegen. Das ist einmal das Buch Beissreflexe, dem ich ganz und gar nicht vertraue. Deshalb habe ich auch nach ein paar andereren Rezensionen gesucht, und u.a. die von queer.de gefunden: Warum schwule Sichtbarkeit nicht grundsätzlich gut ist, und diese Linksammlung: Rezensionen des Buchs „Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität: Kritische Perspektiven“. Nachdem ich mir diese Rezensionen durchgelesen habe, wurde sichtbar, dass der Text von Patsy L’Amour Lalve mindestens tendenziös ist. Denn nicht nur scheint der Verriß des Buches auf sehr unterschiedichen meinungen zu asieren, sondern es exisitiert auch ein Streit um die Situtation eines Projekts weißer Schwule, sowie eine Vorgeschichte um Kritik an der von Patsy L’Amour Lalove gehosteten Veranstaltung Polymorphia (hier der Link zur Kritik). Es gab Kritik an einem ‚Comedy‘-Beitrag einer Person, namens ‚Geschichtslehrerin‘, der ncht abgebrochen wurde, obwohl es im Beitrag zu „Geschichtsklitterung“ gekommen und „ernsthaft[e] […] Erinnerungsarbeit“ lächerlich gemacht wurden sein soll.
Bei dem oben angesprochenen Projekt handelt es sich um Maneo, dem aus verschiedenen Richtungen Rassismus vorgeworfen wird. Die Kritik an der Rezension, die in Beissreflexe veröffentlicht ist, meint, dass die Rezension aufgrund der obigen Konflikte vorbelastet sei. Im Kontext mit dem Rest des Buches, denke ich aber, dass auch ohne die anderen Konfliktpunkte, die Rezension so ausgefallen sei. in der queer.de-Rezension steht, dass das Buch „der Entstehungsgeschichte des Konzepts ‚Homosexualität‘ nachgegangen sind und wie […] es mit Rassismus und deutschen Kolonialismus verbunden ist“. Hier sehen wir einen Grund, warum so heftige Kritik aus den Reihen der Beissreflexe-Fans kommt: Jegliche Kritik an schwulem Aktivismus, vor allem an dem von weißen, cis Schwulen, wird sofort als schwulenfeindlich bezeichnet. Es könnte natürlich als Beissreflex bezeichnet werden, dass dies bei jeder Kritik kommt. Es könnte als autoritäre Sehnsucht verstanden werden, wenn diese Leute versuchen jegliche Kritik zu verhindern. Es könnte als Sprechverbot bezeichnet werden, wie in Büchern und Zeitungsartikeln Leuten verboten werden soll, Kritik an schwulen Aktivismus zu üben. Aber das wird es natürlich nicht…
Anstatt also wichtige Kritik anzunehmen, wird sie pauschal abglehent. Wer also noch einmal andere Darstellungen/Rezensionen lesen will, die nicht nur dazu da sind, die eigene Ideologie zu begründen und zu verstärken, sein die beiden Links oben empfohlen.

Der letzte Text des Kapitels heißt Transition als Projektmanagement. Versuch einer Annäherung. Der Text von Julia Jopp weckt gleich am Anfang mein Interesse:

Poststrukturalistisch beeinflusste Theoriebildung scheint dem Gegenstand Trans stets mit einer gewissen Ambivalenz zu begegnenen.

Aber nur eine kurze Zeit später ist jegliches Interesse verflogen, dann anscheinend wird am Anfang trans nur als binäre Möglichkeit verstanden (vgl. S. 174). Und bis zum Ende des kurzen Text hat mich der Text dann auch komplett von seiner Ekelhaftigkeit überzeugt.
Der Narrativ von einem „Wechsel der Geschlechtsidentität“ (Seite 175) ist transfeindlich.
Was bitte soll dieser Scheiß Coming-in und Coming-Out als Projekt zu bezeichnen (vgl. S. 176). Und nein, dann gibt es auch keinen Projekterfolg (vgl. S. 176). Und schon gar nicht ist es DER Projekterfolg ein erfolgreiches passing zu haben. Das funktioniert schon gar nicht bei non binären Menschen, aber diese werden von der Autorin ja permanent vergessen. Es gibt nicht wenige Menschen, die eben kein Passing haben wollen, ich bin zufällig eine dieser Personen.
Nachtrag:
Da es teilweise zu Unklarheiten bezüglich meiner Kritik an dem Text kam, folgt ein kleiner Nachtrag, eine Erweiterung. Ähnlich, wie die Autorin lehne ich einenen Narrativ von transitioning als Projekt ab. Kein Mensch sollte gezwungen sein ‚Milestones‘ abzuarbeiten. Es sollte jede trans Personen die Freiheit haben auf einem ganz persönlichen und eigenen Weg zu entdecken und herauszufinden ob, wie, wann, wo sie transition will. In diesem Punkt scheinen die Autorin und ich eine ähnliche Meinung zu vertreten, auch wenn das latente ausklammern von non binären Leuten absolut nicht geht. Wenn es also vor allem darum gehen würde, dass dieses theoretische Konzet von transitionig als Projektmanagement kritisiert und angegriffen werden soll, wäre dies der erste Text von Beissreflexe, dem ich einigermaßen zustimmen könnte, zumindest in den Grundaussagen. Jedoch verordnet der Text leider das Konzept in der „poststrukturalistisch beeinflusste[n] Theroiebildung“ (vgl. S. 174), was also eigentlich gemeint ist, sind die queerfeministischen Gruppen und Menschen, die im ganzen Buch angegriffen werden. Und somit reiht sich der Text nahtlos in die anderen Texten ein, wenn eins die falschen Darstellung von queerfeministischen Gruppen untersuchen würde. In der queerfeminstischen Szene kann eins die ganze Zeit auf die immer gleiche Wiederholungen stoßen, dass es kaum zwei gleiche Transitioninggeschichten gibt. Es gibt nicht das eine Alter, nicht die eine Reihenfolge, nicht die die eine Anzahl an Schritten, nicht die eine zeitliche Dauer, nicht den einen irgendwas… Und nicht nur wird der Narrativ von des persönlichen und eigenen transitionig verstärkt, wiederholt und verteidigt, sondern die Kritik richtet sich zur Zeit sogar schon so, dass gerkannt wurde, dass es trotz des Narrativs, doch zu viele normative transitioning-Geschichten, zu viele gleiche Coming-In- Erzählungen gibt.
Und deshalb stört es mich etrem, wenn das Buch und auch dieser Text sooft eine hmogene queere Szene imagini under irgendwelche Eigenschaften und Dinge zuschreibt, die so komplett falsch sind, wodurch ein queerfeindlicher Narrativ geschaffen wird. Dinge, die wir schon lange (vielleicht nur in kleineren Teilen, vielleich auch im Großteil) der queeren Szene längst kritisiert haben und am abschaffen sind.
Ich finde es ekelhaft Menschen in die eigene Transition hineinzureden, wie sie zu passieren hat, welche Gefühle eins haben muss und vor allem, dass der Wunsch nach einem gewissen Passing, den vielleicht manche Leute haben, kritisiert wird als wenig hilfrei bis schädlich. Ich verstehe nicht, warum es mein Glück (vgl. S. 178) sein soll, wenn ich auf der Straße wegen meines offensichtlichen Nicht-Passing angegriffen werde. Der Wunsch nach Passing ist so verständlich, dass ich seine pauschalisierte Ablehnung durh die Autorin als ekelhaft empfinde. Ich werde meine Transition nicht den Wünschen der Autorin anpassen, nur damit diese ihre Adorno-Zitate benutzen kann (vgl. S. 175) Ich werde meinen Weg so finden und gehen, wie es mir am besten passt und nicht, wie die Autorin es von mir fordert.
Nachtrag-Ende
Alles in allem strotzt dieser Text nur so vor Fehlern in der Darstellung der queerfem-Szene (allein schon der Gedanke, der EINEN Queerfem-Szene ist schon grundsätzlich falsch, aber diesenr Narrativ wird schließlich vom ganzen Buch produziert und verstärkt, um die eigene queerfeindliche Meinung zu begründen) und erinnert mich an die typische Unwssenheit von cis Personen, die sich nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

Der Großteil des Buches ist nun besprochen, die nächsten Kapitel werde ich nun versuchen wieder teilweise zusammenzufassen, denn ich möchte diese Reihe auch jetzt nicht zu lange weiterführen, sondern zu einem ordentlichen Ende bringen.

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Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 4)

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Das Problem einer Kritik an ‚Beissreflexe‘ besteht aus mindestens zwei Dingen. Zum einen ist das Buch so angelegt, dass jede Kritik von queerfeministischen Gruppen oder von Menschen, die sich als queerfeminisitisch verstehen, sofort als ‚Beissreflex‘ abgetan werden kann. Zum anderen wird in diesem Buch jedes Konzept, jede Theorie, die queerfeministischen Gruppen zugeordnet wird, so verdreht und verfälscht, dass in einer Kritik erstmal jedes Konzept wieder richtig- und dessen Geschichte dargestellt werden müssen um dann die falschen Schlussfolgerungen von den Autor*innen von ‚Beissreflexe‘ kritisieren zu können.
Deshalb werde ich auch zwei Texte, aus einem Kapitel, dass heute dran ist, nicht oder nur kaum besprechen. In beiden Texten geht es um Cultural Appropriation und Critical Whiteness. Ich werde mich nicht auf die Diffamierungen und Falschdarstellungen der beiden Texte einlassen, sondern jedem Mitlesenden sei ans Herz gelegt sich anderswo zu informieren um ein differenzierteres Bild zu bekommen, welches nicht von purer Ablehnung geprägt ist. Zum Beispiel ist dieser taz-Artikel zu empfehlen: Dreiste Umkehrung.

Aber nun zum ersten Kapitel. Es heißt ‚Schmutzräume und Trigger‘. Ich möchte (erstmal kommentarlos) die Einleitung zu dem Kapitel zitieren, die sich im Vorwort befindet:

Im zweiten Bereich Schmutzräume und Trigger übt Doloris Pralina Orgasma eine unsolidarische Kritik an den lustfeindlichen Awareness-patrouillen in sogenannten Schutzräumen, die in den Augen der Polit-Tunte endlich Schmutzräume werden sollte. Till Randolf Amelung ruft dazu auf, sexuelle Gewalt nicht durch ein zum Aktionismus verkürztes Verständnis von Trigger zu relativieren, nur um damit inquisitorische Verfolgungen von der Gewalt bezichtigten Personen rechtfertigen zu können.

Die Arroganz der Autorin findet sich schon ganz am Anfang des Textes. Ganz plump wird gefordert, dass Safespaces ein Ort, gekennzeichnet durch die „tatsächliche Awesenheit flirtender Homosexuelle[r], durchgeknallten Tunten, geilem Sex“(Seite 84) sein sollen. Anstatt also zu versuchen einen Ort zu schaffen, der für möglichst viele Menschen ein sicherer Ort sein kann, vor der ständigen Begegnung mit Diskriminierung, wird hier ein exklusiver Raum gefordert, der viele andere Menschen ausschließen würde. [Ganz bewusst möchte ich aber betonen, dass aber natürlich auch gerne Raum geschaffen werden sollte, damit es Orte gibt, wie die Autorin sie sich wünscht. Es ist nur kein allgemeiner Schutzraum]
Aber das eigentliche Anliegen des Textes scheint auch vielmehr eine Abschaffung von Schutzräumen zu sein, als ihre Verbesserung. Die Grundaussage scheint dabei zu sein, je mehr Sex desto besser. Dabei scheint jegliches Verständnis von Sex als Konsenshandlung zu fehlenn, denn in Schutzräumen, wo jede*r Mensch auch vor sexuellen Übergriffen geschützt sein soll geht nach Meinung der Autorin „die Kraft, die dem Sexuellen ganz grundlegend zu eigen ist: das Streben nach dem sexuellen Glück, die sexuelle Neugierde, das Triumphale und Hingebende, der Reiz am Unkalkulieraren und am Risiko sowie die lustvolle Bejahung sexueller Geilheit“ (Seite 87) verloren. Yes means Yes wird im Text zu „sexualfeindlichen Tendenzen“ (Seite 88), „feindseligen und misstrauischen Sicherheitskonzepten“ (Seite 88) und fehlender Sensiblität in zwischenmenschlichen Beziehungen (vgl. Seite 87) verdreht.

Der zweite Text des Artikels ist von Till Randolf Amelung.
Kurz zusammengefasst: Entschuldigung von Transfeindlichkeit, male entitlement, male entitlement, male entitlement.
Ja, ich weiß, dass ich mich gerade wiederholt habe, aber der ganze Text ist so arrogant. In einem durch splaint der Autor Betroffenen die Welt, wie und wann sie Therapie zu haben machen, inwieweit sie sich in diesem Kontext politisch zu äußern haben, dass keiner seine Texte ignorieren darf,…
Auf seine Forderung, zu einer unpolitischen Gesellschaftswissenschaft zurückzukehren, möchte ich nicht eingehen. Denn dies würde heißen zu einer rassistischen, transfeindlichen, ableistischen, etc Gesellschaftswissenschaft zurückzukehren und ich bin froh, dass es wenigstens die kleinen Momente gibt, in denen diese Herrschaftsverhältnisse innerhalb der Gesellschaftwissenschaften angegriffen werden.
Alles in allem rate ich jedem Menschen, sich diesen oder einen (mehr ist wirklich unnötig) ähnlichen Text von Amelung durchzulesen, damit alle um die oben kritisierten Dinge Bescheid wissen und ihn und seine Vorträge u.a. zur Abschaffung des Konzeptes der Definitionsmacht und zur Rückkehr zu der Bevormundung von Betroffenen meiden können, wenn sie wollen. Sehr froh bin ich darüber, dass in Marburg anscheinend die Entscheidung getroffen wurde Amelung wieder auszuladen. Dies macht es mit Sicherheit zu einem sichereren Ort für queere Personen.

Das dritte Kapitel heißt Privilegiencheck. Hier befinden sich die beiden Texte, die ich wie oben angesprochen ausklammern werde. Auf diese Ebene der Diffamierungen und Verharmlosung durch Gleichsetzung mit Ethnopluralismus werde ich mich nicht einlassen.
Der erste Text ist von Leo Fischer. Normalerweise ist mir meine Zeit zu schade um mir irgendwelche Texte über die Ablehnung des Privilegienkonzepts von mehrfach privilegierten Menschen durchzulesen, aber hier mache ich eine Ausnahme.
Leo Fischer scheint am Anfang argumentieren zu wollen,dass nach der Abschaffung von Rassismus und Sexismus immer noch Kapitalimus existieren würde (vgl S. 106). Auf diese Weise drängt sich eine Lesart auf, dass es nur den Kapitalismus als Hauptwiderspruch oder viel mehr als vor allem zu bekämfende Unterdrückung und Ausbeutung zu sehen gilt.
Aber ich möchte noch andere Dinge kritisieren.
Leo Fischer sieht als das eigentliche Problem die Macht an sich (S. 106). Ich dachte zwar eigentlich, dass nach Foucault klar sei, dass Macht nicht etwas an sich negatives ist, sondern die ungleiche Verteilung, beispielsweise die Unterdrückung, die sich auf bestimmten Machtverhältnissen gründen.
Weiter gelesen dreht es ich aber noch viel mehr um das Verständnis von Privilegien, als um den Machtbegriff. Fischer kritisiert, dass der gesellschaftliche Fortschritt bedroht wäre, wenn die Prviliegien der unterdrückenden Gruppen abgeschafft werden würden (vgl. S. 107). Dabei ginoriert er vollkommen, dass die Privilegen entstanden sind aus der Unterdrückung, die auf Basis nicht bekämpfter ungleicher Machtverteilung entstanden sind. Die Privlegien brauchen also Gruppen, die sich unterrücken lassen. Die Forderung nach Privilegien für alle verschwindet als einfach, denn das schöne Leben für alle kann nur stattfinden, wenn die Unterdrückung und dadurch entstandenenen Privlegien abgeschafft sind. Es geht nicht um schuldig sein, sondern es geht darum verantwortungsbewusst zu sein.
Infolge seines verkürzten Priviliegienverständnis findet sich auch eine Kritik am Begriff ‚Homonormativität‘ und der Kritik der Schwulenbewegung (gemeint ist die cis-weiße Schwulenbewegung). Fischer verteidigt, deren Erfolgen und beschwert sich, dass sich diese entschuldigen müssten (vgl S. 108). Das basiert auf dem verdrehten Konzept von Privilegien und Intersetkionlität, das sich im ganzen Buch findet. Dabei geht es vielmehr darum, dass sich bestimmte Gruppen eine bessere gesellschaftliche Stellung dadurch erkauft haben, dass andere weiter maginalisiert und diskriminiert bleiben. Es geht darum, dass bestimmte Gruppen innerhalb von Emanzpitantionskämpfen immer im Mittelpunkt stehen und dort auch nicht andere gleichberechtigt neben sich haben wollen. Es geht darum, dass der Spruch ‚Wir sind erst wirklich frei, wenn alle frei sind‘ nur für manche Gruppen nur solange galt, wie sie selber einen großen Teil gesellschaftlicher Macht erkämpft hatten. Homonormativität funktioniert im Kontext hetero – homo, aber umso mehr im queeren Kontext.
Ganz am Ende wird dann natürlich nochmal Adorno zititert, dann kommt der Text noch einmal viel besser in der eigenen Bubble an. Und würde Leo Fischer seine Maßstäbe mal an andere Gruppen anlegen, was die Kritik am Antisemitismus angeht, dann müsste er auch die gesammte Linke pauschal ablehnen. Denn wir finden überall Antisemitismus, diesen gilt es zu kritisieren und zu bekämfen. Aber nur weil einige Linke antisemitisch sind, ist nicht die gesamte Linke antisemitisch. Genauso ist es im Queerfeminismus, es gibt antisemitische Gruppen und Menschen, aber den gesamten Queerfeminismus Antisemitismus anzudichten ist queerfeindlich.
[Fast schon nebenbei geht es auch um die Begriffe Mensch(lichkeit) und Vernunft, da ich mich hier relativ kurz fassen möchte, in ich darauf nicht eingegangen. Ich werde das aber wohl ausserhalb der Reihe einmal allgemeiner nachholen, vielleicht dann auch mit Rückbezug auf diesen Text.]

Zwar gehört zu dem Kapitel noch ein Text über den transradikalen CSD Mainz, den möchte ich aber mit in Teil 5 hineinnehmen um ihn themantisch mit einem anderen Text zusammenzubringen.

Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 3)

Hier geht es zu Teil 1.
Hier gehts es zu Teil 2.

Ein wenig später als geplant, dafür auch kürzer als letztes mal. Ich werde hoffentlich jetzt in kürzeren Abständen weiterkommen. Dies ist nun der erste Teil zu einem richtigen Kapitel.

Zum Kapitel ‚Betroffenheit‘:
Im Vorwort wird gesagt, dass es hier um den „schlechten Umgang“ des „Betroffenheitsfeminismus“ (beide Seite 11) mit Konflikten geht.

Das Kapitel startet mit einem Bericht über die „Inquisition auf dem e*camp 2013“ (Seite 46) [Ich sagte ja schon, dass die Religionsvergleiche sehr strapaziert werden]
Dieser Vorfall ist mir leider/zum Glück unbekannt, ich war nicht dabei, ich habe vor der Beissreflexe-Lektüre nichts darüber gelesen. Es gibt nur den Erfahrungsbericht aus dem Buch. Ich habe das Buch zwar vor allem auch verstanden, als Kritik daran erst betroffene Personen zu Wort kommen zu lassen, diese ihre persönliche Sichtweise erzählen zu lassen, denn „aktueller queerer Aktivismus […] konzentriert sich auf Verletzungen“ (Seite 16) und in dem Erfahrungsbericht geht es um Verletzungen, die der*die Autor*in erlebt hat. In der Einleitung stand, dass es die einzige wichtige Frage queeren Aktivismuses sei „wer als reaktionär abzulehnen [ist]“ (Seite 9) und doch scheint der Erfahrungsbericht nur darauf abzuzielen die organsierende Gruppen und Menschen „als reaktionär abzulehnen“.
Im Text erzählt eine Person, dass sie von einem queeren Event gemobbt wurde. Am Ende des Berichts erzählt der*die Autor*in, dass die Orga-Gruppe auch Fehler eingestanden hätte. Weiter gibt es wohl zu diesem ersten Text nicht zu sagen, außer dass hier mal wieder nur eine Teilerzählung aus einer Perspektive vorliegt. Kommentare des*der Autor*in über eigenes Verhalten („Ich täusche einen Heulkrampf vor“ (Seite 49); übergriffiges Verhalten (Seite 50)), sowie der Hinweis auf eine Vorgeschichte von vor dem e*camp (Seite 51) scheinen auf eine unvolständige und einseitige Darstellung der Vorfälle hinzuweisen.

Als nächstes kommt der Text ‚Treffpunkt im Unendlichen – Das Problem mit der Identität“ von Koschka Linkerhand. Andere Texte hätte ich mich schon nach den ersten Sätzen geweigert weiter zu lesen, aber bei diesem habe ich eine Ausnahme gemacht. Denn schon am Anfang wird unterschieden zwischen den „alten Selbstbezeichnungen“ lesbisch und schwul (Seite 52) zusammen mit den „zumindest begrifflich etablierten Bisexuellen“ (Seite 52) [Bitte was wird hier angedeutet und impliziert?!?] und den „Geschlechtsidentifizierungen trans*, inter und agender, neuere Selbstbezeichnungen, wie pan- und asexuell“ (Seite 52). Das hier eine Unterscheidung getroffen zu werden scheint, zwischen legitimen (schwulen und lesbischen), ziemlich legitimen (bi) und vielleicht-nicht-wirklich-so legitimen Identitäten ist ekelhaft und queerfeindlich.
Nachdem sich Koschka Linkerhand diesen queerfeindlichen, altbekannten Hut aufzusetzen scheint, wird sich dagegen ausgesprochen transfeindliche und queer-exkludierende Personen auszuschließen (Seite 53).
[Das Koschka Linkerhand auf Seite 54 davon schreibt, dass die Queerbewegung erst 1980 beginnt und nicht, wie ich behaupten würde, spätestens mit den Stonewall-Riots von 1969 ist eine Diskussion, die ich nicht an dieser Stelle führen möchte.]
Es geht weiter mit dem Vorwurf das entgendern der Sprache (also zum Beispiel * und _) patriarchal wäre, wie das generische Maskulinum, da es die gleiche Geschlechtsblindheit“ (Seite 56). Nicht nur ist der Vergleich ableistisch, sondern ‚übersieht‘ vollkommen, dass das generische Maskulinum nur ein Geschlecht betont, den Mann. Eine entgenderte Sprache schafft hingegen Platz für alle. Koschka Linkerhands Plädoyer für ein Binnen-I ist direkt non-binär-feindlich.
Der ganze Text scheint sich vor allem darum zu drehen, dem Queerfeminismus Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, weil dieser sich nicht nur auf cis Frauen beziehen würde.
Natürlich darf dann auch nicht fehlen dem Queerfeminismus Theoriefeindlichkeit vorzuwerfen (S. 57) und der polyfeindlichen Aussage, dass Monogamie „die lebbarste und befriedigendste Möglichkeit der Liebesbindung“ sei (S. 57).

‚Bringt euch in Sicherheit! – Wenn der Alltag zum Schutzraum wird“ von Jakob Hayner ist ein Text, der ursprünglich in der Jungle World. Hier geht es wieder um einen ‚Vorfall‘. Diesmal um einen ‚Vorfall‘ bei einem Seminar von Lann Hornscheidt im Sommersemester 2015.
Im Text wird das Konzept von Safe Spaces kritisiert, u.a. mit dem ‚Argument‘, dass die ‚reale Welt‘ auch nicht sicher sei und Safe Spaces also kontraproduktiv und sowieso ein absolut sicherer Safe Space praktisch unmöglich ist. Dieses Argument wurde schon von anderen Leuten besprochen und muss jetzt nicht hier zum abertausendsten Mal wiederholt werden.
Eine Sachen möchte ich aber zu dem Text anmerken: Erstens kommt in dem Text die Aussage vor, dass ein Transschutzraum nicht auch unbedingt ein Schutzraum vor Rassismus für alle PoC sein muss. Ein Transschutzraum, in dem Rassismus erlaubt ist, ist kein Transschutzraum und jede PoC darf bei Rassismus intervenieren, auch wenn dies eine cis PoC ist.
Ach ja: Antidiskriminierungsarbeit bringt Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nicht „um den Verstand“ (S. 62). Wenn weiße Räume ohne ihre Privilegien zusammenfallen, dann ist das vielleicht ganz gut so.

‚Die betroffenheitsfeministische Dynamik – Zu Abwehrmechanismen in feministischen Gruppen‘ von Caroline A. Sosat ist der letzte Text diese Kapitels.
Zu diesem Text kann ich mich leider/zum Glück nur kurz äußern, denn er bezieht sich auf Konzepte von denen ich keine Ahnung habe. Ich habe und hatte nie Lust mich mit Freud auseinanderzusetzen. Ich kann nur beurteilen, dass der Text transfeindlich ist (u.a. Vater hat einen Phallus) und sehr normativ (u.a. Familie aus Vater, Mutter, Kind).
Nur zu einem Punkt noch: Die Autorin dichtet queerfeministischen Gruppen Allmachtfantasien an, wenn diese Betroffen Definitionsmacht übertragen. Hier ist ein Narrativ erkennbar, der sich bis jetzt durch das ganze Buch zieht. Die Macht privilegierter Gruppen wird in den meisten Fällen nicht kritisiert, aber sobald Machtverhältnisse umgekehrt werden; nicht mehr die privilegierten Menschen entscheiden, wer zur Gruppe gehört; nicht mehr die Sprache der privilegierten Gruppen benutzt wird und neben dem Narrativ der Privilegierten auch andere Narrative gleichberechtigt gestellt werden, dann sind dies Allmachtfantasien, reaktionäre Ideologien, etc.

 

Hier geht es weiter zu Kritik an ‘Beissreflexe’ (Teil 4).