Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 3)

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Hier gehts es zu Teil 2.

Ein wenig später als geplant, dafür auch kürzer als letztes mal. Ich werde hoffentlich jetzt in kürzeren Abständen weiterkommen. Dies ist nun der erste Teil zu einem richtigen Kapitel.

Zum Kapitel ‚Betroffenheit‘:
Im Vorwort wird gesagt, dass es hier um den „schlechten Umgang“ des „Betroffenheitsfeminismus“ (beide Seite 11) mit Konflikten geht.

Das Kapitel startet mit einem Bericht über die „Inquisition auf dem e*camp 2013“ (Seite 46) [Ich sagte ja schon, dass die Religionsvergleiche sehr strapaziert werden]
Dieser Vorfall ist mir leider/zum Glück unbekannt, ich war nicht dabei, ich habe vor der Beissreflexe-Lektüre nichts darüber gelesen. Es gibt nur den Erfahrungsbericht aus dem Buch. Ich habe das Buch zwar vor allem auch verstanden, als Kritik daran erst betroffene Personen zu Wort kommen zu lassen, diese ihre persönliche Sichtweise erzählen zu lassen, denn „aktueller queerer Aktivismus […] konzentriert sich auf Verletzungen“ (Seite 16) und in dem Erfahrungsbericht geht es um Verletzungen, die der*die Autor*in erlebt hat. In der Einleitung stand, dass es die einzige wichtige Frage queeren Aktivismuses sei „wer als reaktionär abzulehnen [ist]“ (Seite 9) und doch scheint der Erfahrungsbericht nur darauf abzuzielen die organsierende Gruppen und Menschen „als reaktionär abzulehnen“.
Im Text erzählt eine Person, dass sie von einem queeren Event gemobbt wurde. Am Ende des Berichts erzählt der*die Autor*in, dass die Orga-Gruppe auch Fehler eingestanden hätte. Weiter gibt es wohl zu diesem ersten Text nicht zu sagen, außer dass hier mal wieder nur eine Teilerzählung aus einer Perspektive vorliegt. Kommentare des*der Autor*in über eigenes Verhalten („Ich täusche einen Heulkrampf vor“ (Seite 49); übergriffiges Verhalten (Seite 50)), sowie der Hinweis auf eine Vorgeschichte von vor dem e*camp (Seite 51) scheinen auf eine unvolständige und einseitige Darstellung der Vorfälle hinzuweisen.

Als nächstes kommt der Text ‚Treffpunkt im Unendlichen – Das Problem mit der Identität“ von Koschka Linkerhand. Andere Texte hätte ich mich schon nach den ersten Sätzen geweigert weiter zu lesen, aber bei diesem habe ich eine Ausnahme gemacht. Denn schon am Anfang wird unterschieden zwischen den „alten Selbstbezeichnungen“ lesbisch und schwul (Seite 52) zusammen mit den „zumindest begrifflich etablierten Bisexuellen“ (Seite 52) [Bitte was wird hier angedeutet und impliziert?!?] und den „Geschlechtsidentifizierungen trans*, inter und agender, neuere Selbstbezeichnungen, wie pan- und asexuell“ (Seite 52). Das hier eine Unterscheidung getroffen zu werden scheint, zwischen legitimen (schwulen und lesbischen), ziemlich legitimen (bi) und vielleicht-nicht-wirklich-so legitimen Identitäten ist ekelhaft und queerfeindlich.
Nachdem sich Koschka Linkerhand diesen queerfeindlichen, altbekannten Hut aufzusetzen scheint, wird sich dagegen ausgesprochen transfeindliche und queer-exkludierende Personen auszuschließen (Seite 53).
[Das Koschka Linkerhand auf Seite 54 davon schreibt, dass die Queerbewegung erst 1980 beginnt und nicht, wie ich behaupten würde, spätestens mit den Stonewall-Riots von 1969 ist eine Diskussion, die ich nicht an dieser Stelle führen möchte.]
Es geht weiter mit dem Vorwurf das entgendern der Sprache (also zum Beispiel * und _) patriarchal wäre, wie das generische Maskulinum, da es die gleiche Geschlechtsblindheit“ (Seite 56). Nicht nur ist der Vergleich ableistisch, sondern ‚übersieht‘ vollkommen, dass das generische Maskulinum nur ein Geschlecht betont, den Mann. Eine entgenderte Sprache schafft hingegen Platz für alle. Koschka Linkerhands Plädoyer für ein Binnen-I ist direkt non-binär-feindlich.
Der ganze Text scheint sich vor allem darum zu drehen, dem Queerfeminismus Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, weil dieser sich nicht nur auf cis Frauen beziehen würde.
Natürlich darf dann auch nicht fehlen dem Queerfeminismus Theoriefeindlichkeit vorzuwerfen (S. 57) und der polyfeindlichen Aussage, dass Monogamie „die lebbarste und befriedigendste Möglichkeit der Liebesbindung“ sei (S. 57).

‚Bringt euch in Sicherheit! – Wenn der Alltag zum Schutzraum wird“ von Jakob Hayner ist ein Text, der ursprünglich in der Jungle World. Hier geht es wieder um einen ‚Vorfall‘. Diesmal um einen ‚Vorfall‘ bei einem Seminar von Lann Hornscheidt im Sommersemester 2015.
Im Text wird das Konzept von Safe Spaces kritisiert, u.a. mit dem ‚Argument‘, dass die ‚reale Welt‘ auch nicht sicher sei und Safe Spaces also kontraproduktiv und sowieso ein absolut sicherer Safe Space praktisch unmöglich ist. Dieses Argument wurde schon von anderen Leuten besprochen und muss jetzt nicht hier zum abertausendsten Mal wiederholt werden.
Eine Sachen möchte ich aber zu dem Text anmerken: Erstens kommt in dem Text die Aussage vor, dass ein Transschutzraum nicht auch unbedingt ein Schutzraum vor Rassismus für alle PoC sein muss. Ein Transschutzraum, in dem Rassismus erlaubt ist, ist kein Transschutzraum und jede PoC darf bei Rassismus intervenieren, auch wenn dies eine cis PoC ist.
Ach ja: Antidiskriminierungsarbeit bringt Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nicht „um den Verstand“ (S. 62). Wenn weiße Räume ohne ihre Privilegien zusammenfallen, dann ist das vielleicht ganz gut so.

‚Die betroffenheitsfeministische Dynamik – Zu Abwehrmechanismen in feministischen Gruppen‘ von Caroline A. Sosat ist der letzte Text diese Kapitels.
Zu diesem Text kann ich mich leider/zum Glück nur kurz äußern, denn er bezieht sich auf Konzepte von denen ich keine Ahnung habe. Ich habe und hatte nie Lust mich mit Freud auseinanderzusetzen. Ich kann nur beurteilen, dass der Text transfeindlich ist (u.a. Vater hat einen Phallus) und sehr normativ (u.a. Familie aus Vater, Mutter, Kind).
Nur zu einem Punkt noch: Die Autorin dichtet queerfeministischen Gruppen Allmachtfantasien an, wenn diese Betroffen Definitionsmacht übertragen. Hier ist ein Narrativ erkennbar, der sich bis jetzt durch das ganze Buch zieht. Die Macht privilegierter Gruppen wird in den meisten Fällen nicht kritisiert, aber sobald Machtverhältnisse umgekehrt werden; nicht mehr die privilegierten Menschen entscheiden, wer zur Gruppe gehört; nicht mehr die Sprache der privilegierten Gruppen benutzt wird und neben dem Narrativ der Privilegierten auch andere Narrative gleichberechtigt gestellt werden, dann sind dies Allmachtfantasien, reaktionäre Ideologien, etc.

 

Hier geht es weiter zu Kritik an ‘Beissreflexe’ (Teil 4).

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6 Gedanken zu „Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 3)

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  2. Schlummi

    Vielen Dank für die Besprechung. Ich finde es immer wieder sehr faszinierend, wie ein unterschiedlicher Blick auf den selben Text ganz unterschiedliche Ergebnisse zu Tage treten lässt.
    Nehmen wir z.B. Deine Einschätzung zu dem Text von Koschka Linkerhand. Bu berichtest von Deinem Eindruck, gleich im ersten Absatz werde eine Unterscheidung zwischen legitimen und illegimiten Identitäten getroffen. Ich habe den Absatz völlig anders gelesen. Für mich ist das eine historische Einführung, die beschreibt, wie aus den vergleichsweise wenigen Identitätsbegriffen in den linken Debatten der 1970er und 1980er Jahre ein breites Panorama an Zuschreibungen geworden ist. Darauf bezieht sich dann ja auch die begrifflich etablierte Bisexualität: den Begriff kannte die Linke auch schon in den 80ern.

    Im weiteren Verlauf macht sich der Text dann auf, die Grenzen dieser politischen Praxis auszuloten. Dabei benennt er das eine oder anderen Argument, bringt Einwände und Hinweise und bietet allerlei Anlass, sich mit dem vorgebrachten auseinanderzusetzen. So finde ich beispielsweise die Wendung, einerseits die queertheoretisch festgestellte Pluralität anzuerkennen, andererseits aber auf der Notwendigkeit zur Herstellung einer emanziptorischen Kollektivität zu betonen, nicht uninteressant. Es wäre zu fragen, was die Rahmenbedingungen einer solchen Praxis sein könnten, wo wiederum ihre Grenzen liegen, ob das queerfeministischer Praxis entgegensteht oder eine ihre möglichen Verlaufsformen sein könnte etc. Alle diese Fragen würden dann auf eine Diskussion um den Sinn oder Unsinn des Textes hinauslaufen. Das fände ich toll.

    Stattdessen habe ich aber bei Dir den Eindruck, dass Du Dich im wesentlichen an einzelnen Formulierungen aufhängst und vor lauter „-feindlichkeit“ gar nicht mehr dazu kommst, den vorgebrachten Inhalt zu begutachten. Das finde ich sehr schade. Einerseits, weil es so ja nicht zu einer Weiterentwicklung emanzipatorischer Theorie und Praxis kommen kann. Und andererseits, weil Du damit der zentralen These des Buches im Nachhinein Recht gibst: Die Ausführungen lesen sich nämlich zumindest für mich doch sehr so, als würde der Text einfach nur auf Reizwörter abgescannt um dann ganz entsetzt die daramit verknubbelten Herrschaftsverhältnisse und -Feindlichkeiten zu benennen. Selbst wenn das so in jedem Fall stimmen würde (das müsste mensch sich noch mal genauer ankucken), wird das doch dem Text nicht so richtig gerecht. Dazu kommt, das die so vorgetragene Kritik es den Kritisierten auch recht einfach macht: sie fühlen sich im Nachhinein ins Recht gesetzt und werden einfach so weitermachen wie bislang. Wenn Du dieses Verhalten aber für anti-emanzipatorisch hältst, dann sollte es doch das Anliegen sein, es zu verändern, oder?

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    1. KuchenStattSex Autor

      Ich bin dieser Art ‚historischer Einführung‘ oft genug begegnet und sie war fast immer Teil einer Legitimitätsdebatte. In meinem Text habe ich nun genannt, wie die Äußerungen im Text bei mir rüberkommen. Jede*r Mensch versteht Texte unterschiedlich, das ist nun mal so und mich hat diese ‚historische Einführung‘ nun mal an Legitimitätsdebatten erinnert. Und ich würde den Text auch in diesem Kontext sehen, da das ganze Buch schließlich neueren Entwicklungen der queeren Szene nicht sehr aufgeschlossen gegenüber steht.

      Ich beschäftige mich halt oft und manchmal vielleicht auch vorallem mit der verwendeten Sprache, da ich mich in diesem Bereich erstens sehr wohlfühlen und zweitens vor allem dort etwas leisten kann, was meinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, was in anderen Bereichen nicht so ist. Zudem bin ich der Meinung, dass ein Text, dessen Sprache, beziehungsweise Wortwahl schon ableistisch, etc ist, diesen (jetzt in diesem Beispiel:) Ableismus auch im ganzen Inhalt mit sich trägt. Wer es nicht schafft Kritik ohne Transfeindlichkeit, etc rüberzubringen, dessen Kritik ist es auch nicht wert in irgendeiner Weise ernstgenommen zu werden. Ich bin sogar der Meinung, dass diese Kritik auch dann abgelehnt werden muss.
      Emanzipatorisch wäre es stattdessen schon in der Sprache darauf zu achten bestehende Unterdrückung- und Herrschaftsstrukturen nicht zu produzieren, verstärken und zu wiederholen. Mir ist es auch ziemlich egal, ob die Autor*innen des Buches sich in ihrer Kritik bestätigt fühlen, nachdem sie meinen Text lesen. Denn nicht nur ist das Buch so angelegt, dass jede queerfeministische Kritik an dem Buch sofort als ‚Beissreflex‘ abgewehrt werden kann, ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass das Ziel der Autor*innen mehr ein Grundlagenmanifest der eigenen Ideologie ist, als progressive Kritik zu üben.

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  5. Moritz

    Ich lese an mehrere Stellen bei dir heraus, dass du dir eine konstruktive Kritik wünschst. Das finde ich sehr befremdlich, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Sache, die du verteidigst, sondern ganz allgemein. Es ist ein sachfremdes Anliegen, eine Kritik, die ja ihrem Anliegen nach immer feindlich ist, sonst bräuchte es sie nicht, immer gleichzeitig auch versöhnlich, kompromissbereit und konstruktiv sein soll. Wie soll das gehen? Wenn man mit der Kritik nicht einverstanden ist, versucht man die eigene Sache stark zu machen, setzt der Kritik etwas entgegen, aber man verlangt doch nicht von ihr, sie soll sich von sich aus — ganz ohne Grund — zügeln. Oder siehst du das anders?

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