Der Trend der ZEIT? Auf der Beissreflexe-Welle mitreiten

Nachdem ich aufgrund persönlich-gesundheitlicher Dinge aufgehört habe, den letzten Teil über Beissreflexe zu schreiben (teilweise auch aufgrund des immensen Hasses der mir entgegengeschlagen ist, weil ich gewagt hatte das Buch zu kritisieren), melde ich mich mal zurück.

Und was würde dafür besser sein, als dieser Text vom ZeitMagazin
Der Kampf um das Geschlecht Bild 1
Allein schon der Teil unter der Überschrift lässt mich erschaudern. Was ist das für ein ‚Niemandsland‘, welches von mehreren Millionen Menschen (anscheinend schon mindestens 2,5 Millionen, die in Deutschland leben) bewohnt werden. Dieses ‚Niemandsland‘ weist mehr Diversität auf als das ‚bewohnte Land‘. Der Reichtum an Geschlechtern, an Vielfalt, an Menschen, an Lebensgeschichten, an Erfahrungen, etc hat nicht den Begriff ‚Niemandsland‘ verdient. Dieser Begriff wird doch nur gewählt, wenn die Autorin nonbinären Geschlechtern von vorneherein eher ablehnend gegenübersteht. Ich möchte auch gerne nicht aus diesem ‚Niemandsland‘, also meiner Nonbinarität heraus, weil ich mich da wohlfühle, weil ich da ich bin, weil ich ein scheiß darauf gebe so zu sein wie die Binären.
Aber wirklich vom Sockel haut mich ja die folgenden Sätze.

Dabei geht es um Deutungshoheit, Sprachregelungen und um Wahrheit. Gekämpft wird mit erstaunlicher Brutalität, mit Anfeindungen, Vernichtungsfeldzügen und Shitstorms.

Wer verantwortet alles diesen Scheiß? Wir sind die, die die Deutungshoheit haben? Nein, wohl eher nicht, denn ansonsten bräuchte es unseren Aktivismus nicht, dann würden wir nicht Tag für Tag leiden und dann müssten wir nicht Dreck, wie diesen Artikel oder Beissreflexe lesen… Wir sind die mit den Sprachregelungen? Ihr wollt doch euer generisches Maskulinum behalten. Ihr meint die ganze Zeit irgendwelche Leute mitzumeinen, von denen ihr noch nicht einmal wusstet, dass sie existieren. Wir kämpfen um Wahrheit? Ich habe noch nie queerfeminstische Aktivist*innen ‚für die Wahrheit‘ kämpfen sehen, meistens sind wir ganz zufrieden, wenn ihr mal nicht unsere Existenz leugnet. Und für den letzten Satz möchte ich einfach mal Beispiele haben. Wir sind die, die immer und immer wieder ermordet werden, nur weil wir existieren. Wir sind die, deren Bibliotheken nieder gebrannt werden. Wir sind die, deren Partystätten angegriffen werden. Wir sind die, die wir kein Geld für eigene Räume haben. Wir sind die, die aus jeglicher Öffentlichkeit immer und immer wieder zurückgedrängt werden. Nur weil wir vereinzelt davon träumen, die Möglichkeit zu haben mal zurückzuschlagen, uns zu verteidigen, Stonewall wieder aufleben zu lassen, nur weil wir versuchen uns an das Leben zu klammern, sind wir nicht die Gewalttätigen, die Bedrohenden. Wir träumen nur davon uns gegen eure Gewalt irgendwann einmal verteidigen zu können. Zur Hölle mit eurer verdammten Täter-Opfer-Umkehr.

Aber weiter im Artikel:

„Heteronormativ“ […] ist ein Kampfbegriff. „Heteronormativ“ ist ein permanenter Vorwurf an die Welt

Hell yeah, ist Heteronormativ ein Kampfbegriff. Und zur Hölle mit euren verdammten Anführungszeichen. Eure Heteronormativität ist Gewalt, jeden Tag nutzt ihr sie um uns zu verdrängen, ihr nehmt Platz ein dadurch, ihr macht uns unsichtbar. Heteronormativität ist euer Kampfmittel um eure Privilegien zu sichern. Wir callen nur euren shit out.

Sie fassen sich im sperrigen Akronym LGBTIQ zusammen[…] Lange Zeit forderten sie vor allem die Akzeptanz der homosexuellen Liebe. Nun […] hat sich ihr Streben weiterentwickelt: Sie bestehen auf dem Recht, sich gar nicht mehr auf ein Geschlecht festlegen lassen zu müssen.

Sperrig? Nun erst weiterenwickelt? Nicht festlegen lassen? Was zur Hölle? (Ich glaub dieser Satz wird noch öfters vorkommen). Das das Akronym sperrig sei, ist ein ewiger Vorwurf von Queerfeinden, ist also nicht so sinnvoll so zu nutzen, falls ihr den Anspruch habt konstruktive Kritik zu leisten (was aber wohl eher nicht so ist).
Trans Liberation war – by the way – auch schon immer Teil queerer Forderungen/queeren Aktivismus, verschwand nur halt oft hinter Homonormativität. Ausserdem legen sich nicht alle Menschen, die non binär sind, nicht auf ein Geschlecht fest, sind halt einfach eins der tausend anderen.

Erhebliches Aufsehen erregten sie vor allem mit der Toilettenproblematik oder dem bathroom war, wie die Debatte in den USA mittlerweile genannt wird. Dabei geht es – für Einsteiger ins Thema – darum, ob in öffentlichen Gebäuden Toiletten für Menschen vorgehalten werden sollten, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen. Oder ob man nur noch „Unisex-Klos“ für alle Geschlechter braucht.

Nein, wir „fühlen“ uns nicht weder als Mann noch als Frau. Wir SIND agender, maverique, demigender, genderfluid, etc etc. Und außerdem geht es auch darum, dass binäre trans Menschen die Toiletten nutzen dürfen, auf die sie gehören.

Der Toilettenstreit wirkt bizarr, ist aber Symptom einer weitaus grundsätzlicheren Auseinandersetzung. Wer die Frontlinien abschreitet, merkt: Es geht um die Frage, ob die Zweiteilung in die ewigen Menschheitskategorien Mann und Frau künftig obsolet wird. Aber wer befindet über deren Abschaffung? Die Minderheit, die sich diskriminiert fühlt? Oder die Mehrheit, die darauf beharrt, dass das Schema für die allermeisten Menschen immer noch passt?

Immer wieder diese Kriegsmethaphern…. Was hier auffällt: Es wird immer normaler (nicht nur in Deutschland) zu diskutieren, wie weit Minderheiten unterdrückt werden dürfen. Ist halt auch ein autoritärer Backlash…

Beginnen wir mit der biologischen Grundlage, am besten an der Hochschule Merseburg, in einem Wissenschaftlerbüro

Darauf folgt ein ganz langer Teil über „männliche“ und weibliche Biologie“. Es ist alles extremer, biologistischer Unsinn und ich erspare mir und euch das Stück für Stück durchzugehen. Nur so kurz: Biologie hat nichts mit Geschlecht zu tun. Rein gar nichts. Nie und nimmer.
Darauf folgen ziemlich seltsame Anekdoten, woraus die Lesenden wohl den Schluß ziehen sollen, das „beide“ Seiten (also Queerfeminist*innen und die AFDler Ecke) eigentlich gleich schlimm sind und zu weit gehen. Aber mit auch anderen Anekdoten, auch zu trans Personen, werden gerade auch irgendwie noch einmal als seltsame Freaks abgestempelt.
Darauf folgen Gespräche mit René_Hornstein und Lann Hornscheindt. Natürlich kommt das ganze nicht aus ohne Deadnaming (auch von Chelsea Manning), ekelhaften Narrativen von wegen „als … geboren“ und dem Lustig machen über nicht klassische Pronomen.

Aber weiter im Text:

Damit sind wir endgültig an der Hauptfront des Gender-Gefechts angelangt: dem Kampf um die politisch korrekte Sprache. Man muss dem Deutschen nämlich ziemlich Gewalt antun, um ihm die Zweigeschlechtlichkeit auszutreiben.

Natürlich kommt der Text auch nicht aus ohne ein bisschen PC anzugreifen. Die arme deutsche Sprache soll angeblich keinen Platz haben für non binäre Menschen. Falls das so wäre (was es nicht ist), hätte eins sich ja mal Gedanken machen können, wie das für Menschen ist, ganz unsichtbar zu sein. Aber das alles passiert nicht, denn es ist ja viel einfacher sich über queere Menschen, und deren Bemühungen ihre Existenz in der Öffentlichkeit zu verteidigen, lustig zu machen.

Verzichten wir auf alle Kategorien, weil jedes Schema sich an der vielfältigen Wirklichkeit bricht?

Endlich mal ein Vorschlag, der vielleicht etwas in die richtige Richtung geht (auch wenn die Autorin ihn direkt wieder verwirft). Meiner Meinung, nach gibt es zwar auch andere und bessere Lösungen, aber der Vorschlag wäre ein erster Ansatz.

Und dann natürlich mein persönliches Highlight des Artikels: Der Teil mit Patsy l’Amour laLove…

Aber viele in der Szene könnten nicht ertragen, dass die Menschen nicht so weit sind und vielleicht nie sein werden. „Ihre Reaktion ist dann: Wir müssen mit aller Härte gegen diese Menschen vorgehen.“

Dies ist der zweite Satz, in dem Teil des Artikels, in dem sie vorkommt. Weil Patsy wäre wohl nicht Patsy, wenn sie nicht Queerfeminist*innen attackieren könnte.

Patsy lässt sich ins Deutsche übersetzen mit: „Sündenbock“. Das passt. Nestbeschmutzer, Verräter, fügen viele aus der Gender-Szene hinzu, schicken Drohfotos, kündigen an, Patsy l’Amour laLove die Perücke vom Kopf zu reißen oder ihr die Zähne einzuschlagen. Es ist derselbe Hass, der auch aus Lann Hornscheidts Postfach quillt, nur erreicht er Patsy von der anderen Seite, aus der „queeren“ Szene, wo all die vermeintlich fortschrittlichen Menschen zu Hause sind, die für sich beanspruchen, auf der richtigen, der „guten Seite“ zu stehen.

Offensichtlich hat Patsy in der Autorin auch die richtige Person gefunden um ihren Narrativ weiter zu stricken und zu verfestigen. Natürlich wird die Beissreflexe-Debatte nicht auch aus queerfeministischer Sicht betrachtet, denn das könnte ja zeigen, wie verlogen die Beißreflexe-Clique ist.

die totalitären Züge der Szene, in der jeder fertiggemacht wird, der im Verdacht steht, die reine Lehre nicht zu 100 Prozent zu unterstützen.

100% akkurate Beschreibung des Queerfeminismus, bestimmt ganz ohne Queerfeindlichkeit….
Der Vergleich mit Sekten oder autoritär-religiösen Gruppen ist natürlich auch nicht weit:

In fanatischen christlichen Sekten gibt es Eltern, die ihren Kindern verbieten

Erstaunlicherweise scheint die queere Szene ähnlich besessen vom Thema Geschlechter zu sein, obwohl gerade sie vorgibt, diese Kategorien beenden zu wollen.

Langsam frage ich mich, ob der Artikel hier nicht einfach nur ein zusammengewürfelter Text aus verschiedenen Beißreflexe-Texten ist…

Und der Artikel lässt auch rein gar nichts aus:

Weiße Feministinnen erzählen mir, dass sie als Rassistinnen beschimpft werden, weil sie die Burka für problematisch halten. Heteropaare, die sich in der Öffentlichkeit küssen, gelten als ekelerregend und dominant. Wer darauf hinweist, dass dem WikiLeaks-Gründer Julian Assange zwar Vergewaltigung vorgeworfen wird, er aber bislang nicht verurteilt ist, wird behandelt, als sei er mitschuldig.

Jedes Klische wird hier bestätigt. Selbst Julian Assange wird hier bejammert. Weiße müssen schließlich zusammenhalten…

Und so verschanzt sich die Szene in ihrer Blase, zieht sich in sogenannte Schutzräume zurück, aus denen jeder verwiesen werden kann, der diskriminierender Äußerungen geziehen wird.

Die Ironie, wenn ein Artikel der safe Räume kritisiert gleichzeitig auch ein Grund ist, warum wir mehr solcher Räume bräuchten.
Hey ihr abled weißen dyacisallohet Menschen kommt mal klar darauf, dass nicht alle Räume für euch sind. Ihr seid so überall präsent, wir brauchen auch mal eine Auszeit von euch. Weil ihr seid nicht nur verdammt anstrengend, sondern meistens auch noch gewaltvoll…

„Der Maßstab muss doch das schöne Leben für alle sein“, findet Patsy. „Damit muss man doch locken.“

Genau Patsy, weil du ja das schöne Leben für alle möchtest, außer halt für die Menschen, deren Existenz du in deinem Buch leugnest oder unsichtbar machst/machen lässt.

Unsere Autorin kam in Berlin mit dem Thema Geschlecht schon oft in Berührung, aber vor den ersten Interviews für diese Geschichte musste sie das Vokabular der Gender-Szene wie eine Fremdsprache lernen: nonbinär, Transfrau, heteronormativ. Dann folgte die Lektüre einer knapp 300-seitigen Sammlung der größeren Berichte, die von beiden Seiten der Gender-Front in den vergangenen drei Jahren veröffentlicht wurden. Erst dann hat sich Julia Friedrichs in ein knappes Dutzend Gespräche und Begegnungen gewagt.

Die Namen für Geschlechter nonbinärer Menschen sind keine Fremdsprache! Die Namen euer Unterdrückungsstrukturen sind keine Fremdsprache! Voll mutig von Julia Friedrichs. Da hat sie diese bösen, gewalttätigen Queers getroffen, die einfach nicht Mann oder Frau sind. Voll mutig…

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Ein Gedanke zu „Der Trend der ZEIT? Auf der Beissreflexe-Welle mitreiten

  1. Carmilla DeWinter

    Bezüglich des letzten Absatzes: Manche Leute freuen sich, wenn sie neue Dinge und/oder Wörter lernen …
    Dass ausgerechnet eine Autorin/Journalistin es klingen lässt, als müsste sie beim Lernen neuer Wörer eine Strafarbeit in der Schule ableisten, statt sich darüber zu freuen – bemerkenswert. (Gerade Menschen, die mit Wörtern umgehen, wissen, dass eins nur über Dinge reden kann, wenn es Wörter dafür gibt. Und sie wissen auch, dass das Absprechen von Wörtern eine Waffe ist.)

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