Archiv für den Monat Juli 2017

Stonewall-Aktionswoche Köln

Gestern ist die Aktionswoche gestartet, die alternativ zum CSD verläuft mit einer Stonewall-Remember-Demo gestartet. Ich werde über den Lauf der Woche über die Veranstaltungen schreiben, die ich besucht habe.
Ich habe geplant, neben der Demo wo ich gestern war, am 03. und 04. Juli zu den Veranstaltungen zu gehen (Heinz-Jürgen Voß, wo ich am Montag zur Lesung gehen möchte, hat auch eine Kritik zu Beissreflexe geschrieben, die ich hier nochmal verlinken möchte: link). Und am nächsten Woche ist dann natürlich noch der große CSD in Köln.


Stonewall-Demo
Es war schon vorher klar, dass die Demo leider unter relativ schlechtem Wetter leiden würde, aber trotzdem waren nicht wenige Menschen bei der Demo (ich würde schätzen, dass es so ca. 150 Menschen waren). Da es eine Tanzdemo war, wurde mit lauter Musik durch Köln gezogen, nur getanzt wurde wegen des Regens eher weniger, aber die Stimmung war trotzdem nicht schlecht. Viele Flyer wurden verteilt, hin und wieder zeigten sich Anwohner*innen solidarisch, was immer schön war.
Leider gibt es bei solchen Veranstaltungen nicht nur immer gute Dinge, ob dass jetzt das viele Filmen von Nicht-Demonstrierenden (teilweise war das ein Verhalten wie von Zoobesuchenden) oder die Rede bei der Zwischenkundgebung war. Die Rede war nicht total schlecht. Es wurden viele wichtige Forderungen gestellt, aber in der Darstellung von den Stonewall-Riots nicht die Rolle von trans WoC zu benennen, verstärkt halt weiter das Erasen deren bedeutsamen Rolle im Kampf für queer Liberation. Desweiteren sollten sich die Menschen aus der Anarcho-Gruppe, die mitgelaufen sind, echt mal überlegen, wie angebracht der Spruch „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ auf so einer Demo ist…
Zum Abschluss aber noch eine positive Sache: Es gab im Vorraus die Vereinbarung keine Partei-Fahnen, etc zu präsentieren und konsequenterweise musste die linksjugend-Fahne weggelegt werden.


Lesungen von Heinz-Jürgen Voß
Nach den 4 Stunden Lesung(en)+Diskussionen war ich dann doch etwas erschlagen gestern. Aber es waren interessante und gute 4 Stunden. Heinz-Jürgen Voß hat viel erzählt, weitere Literatur empfohlen, immer wieder die eigene Position/den eigenen Text eingeordnet. Zwar wurde mir deutlich, dass ich eine etwas andere Perspektive habe, aber die zielende Richtung die selbe ist. Im Gegensatz zu Beißreflexe, schien hier der Wunsch zu existieren Queerfeministische Positionen weiter zu entwickeln, anstatt das ganze abzureißen.
Der Abend war in zwei Hälften aufgeteilt. Erst ging es um das Buch Queer und (Anti-)Kapitalismus. Oft betonte Heinz-Jürgen Voß, dass es wichtig sei, dass der Kapitalismus als globales System betrachtet wird. Wo werden unsere technischen Geräte produziert, wo kommen die Rohstoffe dafür her? Wer hat die Konzepte/Theorien in Worte gefasst, die wir benutzen? In den meisten Fällen lautet die Antwort nicht ‚globaler Norden‘, ‚weiße cis-hetero abled Männer‘.
Es ging dann weiter mit der Betrachtung von Bewegungsgeschichte (eine Betrachtung von Stonewall und die transfeindlichen Angriffe auf Sylvia Riviera, sowie Ausschlüsse von trans Menschen aus der gay liberation Bewegung nach Stonewall) und aktuellen Problemen vor allem von cis-weiß-schwulen Aktivismus. Dabei wurde auch LSVD und maneo kritisiert.

Im zweiten Teil ging es dann um das Buch Schwule Sichtbarkeit – Schwule Identität: Kritische Perspektive. Zuerst ging Heinz-Jürgen Voß auf die oft zitierte Kritik an den Kiss-Ins 2015 in Berlin ein. Es wurde verdeutlicht, dass es keine Kritik an schwul/lesbischen Kiss-Ins generell ist, sondern dass im Buch viel mehr der Kontext kritisiert wird. Kiss-Ins in den 1970er Jahren waren autonom, anti-staatlich, etc, aber die Kiss-Ins 2015 waren staatlich gefördert und auch in den rassistischen Narrativ der Republik Deutschland eingebunden.

Aber der Punkt, der sich durch den ganzen Abend zog und an den ich auch am meisten weiter denke, ist der Diskurs über ‚Identität‘. Wie haben wir Identität zu denken? Welche Ausschlüsse reproduzieren bestimmte Identitätskonzepte? Welche Vorteile und Nachteile bietet Sichtbarkeit? In wie fern ist Sichtbarkeit auch ein Privileg?
Vor allem mit dem Bezug auf das Konzept von Homosexualität im Westen, beschrieb Heinz-Jürgen Voß die Problematiken die Identitätskonzepte haben. Die kolonialistische, rassistische,… Sozialisierung in Deutschland und im Westen generell haben dazu geführt, dass sich Rassismus, Antisemitismus, usw. auch in den Identitätskonzepten wiederfindet. So zum Beispiel wurde das Konzept von Homosexualität im Westen gegen ‚die Anderen‘ entwickelt. Schon gleichgeschlechtlicher Sex von Männern in Italien war nicht mehr wirklich ‚die wahre Homosexualität‘, noch stärker war die Abgrenzung gegen jeglichen gleichgeschlechtlichen Sex von Männern, die nicht der Dominanzkultur des globalen Nordens ‚angehören‘. Was sich in westlicher Identitätskonzeption also vor allem finden lässt sind Abgrenzungen, die Konstruktion scharfer Grenzen.
Heinz-Jürgen Voß streitet dagegen für ein mehr prozesshaftes Verständnis, dass Identitäten unterschiedlich verstanden werden können, sich verändern, entwickeln, intensivieren, abschwächen, etc. An dieser Stelle entwickeln sich dann auch so langsam meine Ideen, die teilweise mit denen von Voß zusammen gehen, aber manchmal auch noch darüber hinaus, was gestern Abend gesagt wurde.
Diese klare Abgrenzungen vor allem durch dominierende Gruppen führen dazu, dass nur diese sichtbar sind und anerkannt werden. Bestes Beispiel ist die ‚Ehe für alle‘: Das Anliegen von weißen christlich-atheistischen cis-Schwulen wird priorisiert, ist am sichtbarsten, am anerkanntesten. Demgegenüber sind viele andere Gruppen mit anders gelagerten Anliegen unsichtbarer und wenn sie sich eine bestimmte Sichtbarkeit erkämpfen, dann sind sie angreifbarer, sie genießen weniger Schutz.
Sichtbar sein zu können ist ein Privileg.

[Aber: Bei einem Backlash kann/wird diese Sichtbarkeit zu einer Gefahr. Gruppen, von denen faschistische Parteien, etc nicht wissen, dass sie existieren, die keine Sichtbarkeit haben, werden weniger direkt attackiert, als Gruppen, die sichtbar sind. Die Betonung liegt hier auf direkt, den meistens werden sie indirekt dann aber trotzdem attackiert.]

Aber wie gehen wir damit um, dass (1) uns feste Identitäten Schutz bieten, dass (2) sie der Ort sind, von dem aus wir überhaupt Forderungen stellen können? Schließlich gibt es Erfolge, die diese Art der Politik erreicht haben. Auch da möchte ich nochmal die ‚Ehe für alle‘ als Beispiel nehmen, die ein Erfolg auch von Aktivismus ist. Die Öffnung der Ehe hat positive Effekte, wie zum Beispiel Studien aus den USA zeigen. Aber durch eine Politik der Forderung von eigenen Rechten ergeben sich neue Probleme. Anstatt zu versuchen die Herrschaftsebene, von der aus dominierende Gruppen andere diskriminieren, zu zerstören, wird versucht durch Gesetze, etc auch diese Ebene zu erreichen. Aber diese Ebene auf der die Dominanzkultur steht, basiert darauf, dass sie gegen etwas konstruiert ist. Das heißt sie braucht eben etwas, was sie unterdrücken/beherrschen kann um zu existieren. Und das bedeutet, dass jeder Versuch diese Ebene zu erreichen, neue Ausschlüsse produziert. Um auf die ‚Ehe für Alle‘ zurückzukommen: Ähnlich wie die Menschenrechte früher nur Rechte weißer Männer waren, ist die ‚Ehe für Alle‘ vor allem die Privilegierung weiß-bürgerlicher christlich-atheistischer abled cis-Schwuler gegen den Rest der queer community.  Es stabilisiert die Herrschaft der Republik auf Kosten von disabled/asexuellen/trans/etc Menschen.
Deshalb bin ich dafür, dass wir nicht dafür kämpfen sollten auch auf diese Herrschaftsebene zu durchführen. Ich möchte nicht dafür kämpfen, dass ein Gesetz verabschiedet wird, dass ich mein Geschlecht ändern kann, sondern ich möchte eine Befreiung vom cistem. Ich möchte nicht die Öffnung der staatlichen Ehe, sondern die Abschaffung des Staates. Ich möchte nicht faire Löhne oder bedingungsloses Grundeinkommen, sondern das Ende des Kapitalismus.
ABER: Wie erreichen wir diese Utopie? Wie schaffen wir für dieses große Ziel zu kämpfen ohne den tödlichen Alltag zu vergessen? All diese Dinge, die ich eben aufgezählt habe, würden das Überleben von mehr Menschen ermöglichen. Und ich hab keine Ahnung wie ich diesen Widerspruch überwinden kann… Ich weiß nur, dass weder das eine noch das andere ‚der eine wahre Aktivismus ist‘.

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