Archiv der Kategorie: Anarchismus

Wie passt mein Glaube in meinem Leben?

Nach langer Zeit (vorallem aufgrund von Umzug und Studiumswechsel) mal wieder ein Text von mir. Ein bisschen zu einem Thema, worüber ich selten spreche.


Ich verstehe mich u.a. als anarchistische Person und als nicht-binäre Person und auch als gläubige Person. Oft können diese Sachen nicht zusammen gedacht werden: Anarchie und Glaube? Queer und glaubend? Für viele Menschen sind dies Widersprüche. Doch sind sie es wirklich? Warum ich das nicht so sehe, möchte ich im Folgenden aufzeigen: (die Idee kam mir durch Tweets von @demisapiens).

Zuerst möchte ich erklären, was ich unter den Begriffen Religion, Kirche und Glaube verstehe, dabei möchte ich betonen, dass ich aus christlicher Perspektive und in einem christlichen Kontext schreibe. Vor allem bei polytheistischen und atheistischen Religionen/Bewegungen fehlt mir genug Wissen um dieses Konzept auf diese Religionen/Bewegungen ausweiten zu können.

Religion = Unscharfer Begriff einer Gesamtheit von Heiligen Schriften, Institutionen, Glaubenden, hierarchischen Strukturen, Auslegungen/Interpretationen, Sekundärschriften, Traditionen, Festen
Kirche = vorallem in christlichem Kontext gebräuchlich und beschreibt die institutionelle Organisierung verschiedener Religionsrichtungen oft in regionalem, nationalem Kontext (zum Beispiel: Evangelische Kirche Deutschland), hat meistens ein Führungsgremium, eine Führungsperson
Glaube = individualisierte Religion, muss nicht übereinstimmen mit den Ansichten der institutionalisierten Religion

Aus anarchistischer Perspektive (und der damit verwobenen queeren Perspektive) lehne ich Herrschaftsstrukturen und normative Prozesse grundlegend ab und vorallem bei Religionen und Kirchen finden sich viele Normen, viele ausgrenzende Strukturen, etc. Um nur einmal ein paar Beispiele zu nennen, wären da die sogenannten ‚Pro-Life-Bewegungen‘ (patriarchale Bewegung, vorallem gegen Reproduktionsrechte und queere Bewegungen) und andere mindestens rechtskonservative Gruppierungen, die unkritische Lutherverehrung in der evangelischen Kirche (Luther war islamfeindlich, antisemitisch, klassistisch, ableistisch, sexistisch, staatshörig,…) oder die oft dominante Meinung der Trennung von weltlichem und geistlichen Dingen.
Wenn diese Dinge/Gruppierungen/etc. kritisiert werden, dann habe ich nicht nur nichts gegen diese Kritik, sondern unterstütze sie sogar. Denn dies alles widerspricht meinem persönlichen Glauben. Meinem Glauben widerspricht es, wenn Menschen Herrschaftsstrukturen erhalten/erschaffen, wie es Religionen/Kirche oft tut. Ein absolutistischer Wahrheitsanspruch hat mein Glauben nicht und würde meiner Weltansicht widersprechen. Wenn jeder Mensch großtmögliche Freiheit haben soll, dann ist das auch die Freiheit zu Glauben. Es geht dabei nicht um normative, unterdrückende Strukturen, die ich verteidige. Ich verteidige, dass jeder Mensch glauben oder nicht glauben kann, was diese Person möchte. Denn Glaube ist für mich nicht etwas, was wirklich in dieser Welt platziert ist, sondern von außerhalb auf diese Welt hier einwirkt. Wie ein Theologe es einmal in Bezug auf den christlichen Gott gesagt hat: ‚Gott ist das ganz andere‘. Und ich sehe meinen Glauben als ein Geschenk an von diesem Ganz-Anderem. Dieser Glaube als außer-/überweltlichen Ding ist also kein Objekt, was sich nach einer weltlichen Religionskritik, die jeglichen Glauben auslöschen möchte, richtet. Ich kann diese Kritik fanatisch verteidigen, solange ich sie aber nicht auf dieser Ebene des Glaubens auch akzeptiere, existieren Ablehnung von Glaube und Glaube in einem extremen Spannungsverhältnis gegeneinander.
Diese Zeiten habe ich auch erlebt, während ich einerseits Glaube und Religion fundamental ablehnte, glaubte ich trotzdem noch gleichzeitig. Dieser ungesunde Zustand hielt zum Glück nicht sehr lange an, sondern ich habe die wichtige Unterscheidung zwischen Religion und Glaube kennengelernt. Für gläubige Menschen (auf jedenfall ist das meine Meinung) ist es wichtig seinen Glauben empowernd benutzen zu können, denn der Glaube ist genauso ein wichtiger Teil des Ichs, wie andere Teile (zum Beispiel sexuelle Orientierung, Geschlecht, etc…).

Alle Personen sollten die Möglichkeit haben ihren Glauben/Nicht-Glauben/Vielleicht-Glauben/etc. auszuleben (natürlich ohne dabei diskriminierende Strukturen aufzubauen). Es ist nicht an Menschen anderen Menschen zu sagen, ob und was sie zu glauben haben.
Mein Glaube unterdrückt mich nicht, sondern er gibt mir Kraft, Halt und ist ein Zuhause. Wer mir das wegnehmen möchte, kämpft nicht für die gleiche Zukunft, für die ih streite

 

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Kritik an Verschwörungstheorien

Ich habe am Samstag Abend die drei-teilige Serie über Verschwörungstheorien und Geheimbünde bei Arte gesehen. Am selben Abend habe ich mich bei Twitter noch sehr über die Darstellung bei Arte und allgemein über Verschwäorungstheorien aufgeregt.
Doch Twitter ist meiner Meinung nach nicht das richtige Medium für eine gründliche Kritik an vereinfachten Welterklärungen, den sogenannten ‚Verschwörungstheorien‘, deshalb will ich das jetzt hier nachholen.

Was sind Verschwörungstheorien?
Eine Verschwörungsthorie entsteht bei dem Versuch Ereignisse, Prozesse/Entwicklungen und Zustände auf das Handeln einer Person, einer Gruppe zurückzuführen, die im Geheimen wirken und einen übergeordneten Plan verfolgen. Diese Theorien basieren dabei auf Zuweisungen bestimmter Eigenschaften zu bestimmten Gruppen (zum Beispiel: „Die Juden sind ….“) und/oder auf die Aneinanderreihungen von zwar belegbaren, aber nicht zusammenhängenden Fakten (zum Beispiel: In den 60er Jahren gab es aus den Reihen des US-Militärs den Vorschlag von Terroranschlägen im eigenen Land um diese dann anderen Ländern in die Schuhe zu schieben und in den 90er Jahren wurde ein Strategiepapier in den USA entwickelt zum militärischen Eingriff im Nahen Osten. Also muss der 9/11-Anschlag von der us-amerikanischen Regierung ausgeführt wurden sein.)
Verschwörungstheoretiker*innen formulieren dabei immer zwei sich gegenüberliegende Gruppen: 1. die Gruppe/Person, die ‚im Zentrum der Macht‘ sitzt und alles steuert und alle anderen Menschen, die von dieser Gruppe/Person unterdrückt/ausgenutzt werden. Diese ‚böse‘, machthabende Gruppe wird dabei dann zum Sündenbock für alles Schlechte gemacht, was auf der Welt passiert. Alle Katastrophen, etc geschehen aufgrund des geheimen Plans, den diese Gruppe/Person verfolgt.

Verschwörungstheorien basieren dabei auf einem in sich selbst geschlossenem Weltbild. Das heißt, dass jeder Vorfall die Verschwörungstheorie bestärkt und es fast unmöglich ist, Menschen aus diesem Weltbild wieder heraus zu holen. Zum Beispiel wird eine ‚Bestätigung‘ der Verschwörung natürlich zu einer Bekräftigung des Weltbildes führen, aber ebenso ist die Nicht-Bestätigung der Verschwörungstheorie nur ein weiterer Beweis für die Macht der geheimen Gruppe.
Es können jedoch Unterscheidungen in der Größe der Verschwörungstheorie gemacht werden. Die kleinsten beziehen sich nur auf ein bestimmtes Ereignis, bei dem ein Gruppe im Geheimen handeln soll. Dann gibt es aber auch Verschwörungstheorien, die dann schon größer formuliert werden und bei denen es darum geht, dass eine Gruppe an der Weltherrschaft arbeitet. Zuletzt gibt es noch die dritte Gruppe, dabei werden verschiedenste Verschwörungstheorien miteinander verknüpft, die über eine riesige Zeitspanne reichen und mit allem was passiert in Verbindung stehen.

Warum sind Verschwörungstheorien zu kritisieren?
Das Weltbild auf denen Verschwörungstheorien basieren ist, wie oben gesagt, meist in die kleine geheime Gruppe mit ausbeuterischem Plan und dem Rest der Menschheit als Ausgebeuteten eingeteilt. Oft wird die kleine Gruppe oft als ‚unmenschlich‘ dargestellt, viel lieber verwenden Verschwörungstheoretiker*innen ableistische Begriffe alsvermeintliche Synonyme für ‚unmenschlich‘.
Aber das ist erst der erste Punkt: Viele Verschwörungstheorien bauen auch darauf auf, dass irgendeine Geheimgruppe ‚die Familie‘ zerstören will, gemeint ist dabei das heteronormative, cis-normative, patriarchale Bild der Familie von arbeitendem Cis-Mann, die Cis-Frau als Hausfrau und einer bestimmten Menge an Kindern. Hier propagieren VerschwörungstheoretikerInnen also ein anti-progressives Bild von Familie, Mann und Frau, mit dem transfeindliche, homofeindliche, etc Angriffe auf Menschen gerechtfertigt werden.
Weiter zu kritisieren sind natürlich der Antisemitismus und Rassismus vieler Verschwörungstheoretiker*innen.

Diese ganzen Kritikpunkten fallen bei der Betrachtung von Verschwörungstheorien sehr schnell ins Auge, ich möchte aber noch einen Schritt weiter gehen (dabei nehme ich keine Wertigkeit vor wie schlimm die einzelnen Kritikpunkte sind, alle sind menscheinfeindlich und daher nicht in eine Rangfolge von 1 sehr menschenfeindlich zu 10 ein wenig menschenfeindlich zu stellen).
Verschwörungstheorien arbeiten immer auch mit Skepsis gegenüber Autoritäten und dem Erkennen von Ähnlichkeiten bei Ereignissen. Zum Beispiel wird eine Häufung von Naturkatastrophen beobachtet, doch diese sind dann nicht Folge eines Klimawandels (den gibt es schließlich nicht, nach einigen Verschwörungstheoretiker*innen), sondern wurden von einer geheimen us-amerikanischen Gruppe hervorgerufen zur Unterdrückung der Wirtschaft des Landes mit der Naturkatastrophe.
Und in dem Moment wo diese abstruse Verschwörungstheorie formuliert wird, verliert die Ablehnung von Autoritäten und das Beobachten von Ähnlichkeiten von Entwicklungen und Ereignissen auf der Welt, ihre Progressivität und emanzipatorische Kraft. Es wird nicht erkannt das innerhalb autoritärer Systeme gewisse Handlungsweisen sich etablieren mit denen die mächtigeren Staaten der Erde ihre Macht erhalten und ausbauen (zum Beispiel mit Sanktionen gegen Schutzzölle oder dem Kredite geben nur im Tausch mit der ‚Öffnung des Marktes), werden Ereignisse und Zustände dem Handeln kleiner Geheimgruppen zu geschrieben. Anstatt das erkannt wird, dass zur Lösung von Ungerechtigkeit das System geändert werden muss, wird propagiert dass eine Religion für all die Ungerechtigkeit auf der Welt verantwortlich ist und folglich muss nur diese Religion vernichtet werden, anstatt das ganze System. Anstatt dass reflektiert wird, warum Rituale und Traditionen auf eine*n selber ‚makaber und kurios‘ wirken, wird eine Gruppe zu einem satanischen Geheimbund mit geheimen Zielen hochstilisiert. Anstatt das erkannt wird, dass Menschen sich nun mal fast immer mit Gleichgesinnten zu Gruppen zusammen schließen und das auch für Leute mit Macht gilt, wird sofort eine ganze Verschwörungstheorie erdacht.

Verschwörungstheorien sind eine zu bekämpfende Form von Menschenfeindlichkeit. Verschwörungstheorien verhindern emanzipatorische und progressive Entwicklungen.
Verschwörungstheorien reproduzieren die Gewalt der herrschenden Systeme und Strukturen.
Verschwörungstheorien sind einfach scheiße und gehören kaputt gemacht.

Gegen dogmatischen Pazifismus, gegen militärisches Eingreifen

Vor ein paar Tagen stieß ich bei Twitter auf diesen Text. In dem Text wird, vor allem im Kontext des Krieges in Syrien, der dogmatische Pazifismus in Teilen der deutschen Linken kritisiert problematisiert. Es wird gesagt, dass sich die Linke „nicht stark [macht] für das, was notwendig ist“ und das was notwendig ist, soll ein Einsatz des Militärs sein.
Anhand des verlinkten Textes (dem ich nicht zustimme) möchte ich darstellen, warum ich denke, dass die Alternative zu einem dogmatischen Pazifismus nicht das Fordern eines militärischen Einmarsches ‚des Westens‘ sein sollte. Eine umfassende Kritik am Pazifismus würde in diesem Text zu weit führen und könnte nachgeholt werden. (Anarchistische Kritik – vor allem an der PKK – läßt sich u.a. hier finden.)

Der oben verlinkte Text beginnt damit, den Pazifismus als Bewegung für eine Welt ohne Krieg positiv zu bewerten, aber gleichzeitig wird der Pazifismus der deutschen Linke als „lähmend“ kritisiert. Da aufgrund dieses Dogmatismus „es die deutsche Linke nicht schafft, sich zu bedeutenden aktuellen Themen zu positionieren und die Forderungen zu stellen, die notwendig sind“. Diese „notwendigen Forderungen„, wie oben geschrieben, sind das militärische Eingreifen ausländischer Mächte aufgrund der Schutzlosigkeit der Zivilbevölkerung.
Zwar wird im Text anerkannt, dass bei so einem Eingriff äußerste Vorsicht geboten sein sollte, jedoch „stellt sich auch die Frage, wem die Konfliktfelder andernfalls überlassen werden„.
Der Text fährt fort und stellt die Behauptung auf, dass die ‚westlichen Staaten‘ wenigstens den Anspruch haben freiheitliche Werte zu vertreten und einer eigenen kritischen Öffentlichkeit gegenüberstehen würden, ganz im Gegensatz wie zum Beispiel die Länder Russland und China. Und da ist mein größter Kritikpunkt: Ja, ein dogmatischer Pazifimus muss abgelehnt werden, aber Nein, die Alternative ist nicht ein militärisches Einschreiten ‚des Westens‘.

Zuerst stellt sich die Frage, welche freiheitlichen Werte den da vertreten werden. Sind damit gemeint die Diskriminierung geschlechtlicher und sexueller Minderheiten? Sind mit „freiheitlichen Werten“ gemeint der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit eines Trumps, der AFD oder der Front National? Ist der ‚Partypatriotismus‘ der SPD damit gemeint? Ist die Zerstörung der Lebensgrundlage von Menschen in afrikanischen Ländern durch deutsche Exporte damit gemeint? Ist die Militarisierung autoritärer Staaten durch deutsche Firmen, deutsche Waffen und deutsches Personal damit gemeint? Welche sogenannten ‚Freiheitswerte‘ vertritt den der Westen? Es ist die ‚Freiheit‘ des Kapitalismus, es ist die ‚Freiheit‘ des Nationalismus, es ist die ‚Freiheit‘ des Patriarchalismus, es ist die ‚Freiheit‘ des Rassismus, und und und. Das heißt es wird die Freiheit des privilegierten Menschen verteidigt, das heißt die Freiheit des weißen, abled, hetero, cis-gender, ‚westlichen‘, etc etc Mannes. Der ‚Export‘ dieser ‚Freiheit‘ sollte nicht unterstützt werden. Denn ‚Export‘ heißt hier Soldaten, Panzer, Militärflugzeuge, Bomben, Dronen, etc. und ‚Freiheit‘ ist hier einfach nur ein anderes Ausbeutungssystem mit dem das alte Ausbeutungssystem ersetzt wird. Ganz im Stile des Kolonialismus entscheiden weiße Männer was für die Menschen tausende von Kilometer weit entfernt am besten sei.
Ich verstehe nicht, warum „die deutsche Linke“ das fordern sollte.
Genauso ist es vollkommen falsch, dass es im ‚Westen‘ eine starke kritische Öffentlichkeit geben würde. Natürlich werden Kritiker*innen nicht so unterdrückt, wie in den genannten Ländern Russland oder China, aber wirkliche Konsequenzen gibt es auch im Westen nicht. Da gibt es viele Beispiele: Der Terror des NSU, der Abhörskandal der NSA, Uli Hoeneß, Tihange 1 in Belgien, die Bombardierung von Krankenhäuser durch die USA, und und und.
Ich habe kein Verständnis dafür, wenn nach einem militärischen Eingreifen des ‚Westens‘ gerufen wird. Genauso wenig habe ich aber Verständnis für das Verhandeln wollen mit Unterdrücker*innen und Kriegsführer*innen aufgrund eines dogmatischen Pazifismus. Aber gibt es denn dann auch eine andere Lösung?

Meiner Meinung nach gibt es diese. Einerseits gibt es natürlich die Möglichkeit direkt vor Ort in Syrien, in den kurdischen Gebieten zu sein. Aber Solidarität und Unterstützung läßt sich auf viele verschiedene Weisen ausdrücken. Im Kampf gegen Krieg und gegen (den kapitalistischen, nationalistischen, sexistischen, etc) ‚Frieden‘ läßt sich vieles tun, Sabotageaktionen gegen zum Beispiel Rüstungsfirmen, Unterstützung einer kritischen Öffentlichkeit nicht um den Staat und seine Vertreter zu überzeugen, sondern die Menschen um einen herum, Widerstand gegen Waffenlieferungen, humanitäre Hilfe in den Gebieten des Krieges, Streiks, Demonstrationen, etc. etc. Vielleicht ist dieser Weg nicht die effizienteste Weise Kriege zu beenden. Aber die effizienteste Weise ist oft nicht die beste, denn am schnellsten ließe sich der Krieg in Syrien mit einer Atombome beenden. Um die Gesamtscheiße um uns herum nicht zu reproduzieren ist es vielleicht zwingend nötig nicht effizient zu handeln, sondern verantwortungsvoll, eigenständig und sich ihrer*seiner selbst bewusst.

Queer Relationships – Möglichkeiten nicht-normativer Beziehungen

Ein nicht kleiner Teil staatlicher Autorität basiert auf Heteronormativität. Heteronormativität lässt sich definieren als:

Eine Reihe an Normen, die auf der Annahme basieren, dass jeder heterosexuell, cis-männlich/cis-weiblich und monogam ist, zusammen mit der vorausgesetzten und mitgemeinten Dauerhaftigkeit und Stabilität dieser Identitäten. (1)

Wenn dann von queeren Beziehungen gesprochen wird, dann sind dies Beziehungen, die in irgendeiner Weise diese Heteronormativität in Frage stellen. Das heißt Beziehungen, die nicht heterosexuell sind und/oder nicht zwischen zwischen einem cis-Mann und einer cis-Frau sind und/oder nicht monogam sind und/oder die Permanenz und Stabilität von Identitäten in Frage stellen.
Durch ihre reine Existenz stellen diese Beziehungen Heteronormativität in Frage und damit die staatliche Autorität. Sie öffnen einen Raum, der nicht vom Staat vorgesehen war. Durch die Existenz queerer Beziehungen können eine Reihe neuer Praktiken gesetzt werden. Von nicht-heteronormativen Beziehungen können neue Formen der Konsensbildung gelernt werden, neue Arten des Zusammenlebens, des Heranwachsens von Kindern. Queere Beziehungen öffnen einen neuen Raum der Freiheit, der dann aber auch verteidigt werden muss gegen eine Übernahme durch den Staat, durch Vermarktungsstrategien.

Es geht nicht darum monogame, heterosexuelle, cis-gender Beziehungen zu verbieten, sondern ihre Normativität zu zerstören. Es geht darum, dass der Zwang diesen Normen zu entsprechen nicht-existent wird. Es geht darum von einander zu lernen in einer Welt zu leben, in der einer freien Verwirklichung des Selbst nichts im Wege steht. Es geht darum neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. Durch die Existenz queerer Beziehung in einer nicht-anarchistischen Welt kann ein Ausblick gegeben werden, auf das was mal sein könnte. Durch ihre Existenz können erste Freiräume gebildet werden in denen eine Kraft heranwachsen kann, die dann letztendlich Normen und Authoritäten zerstört. Durch ihre Existenz wird klar, dass der Widerstand gegen Staat, Kapital, Patriarchat, etc nicht im bewaffneten Widerstand beginnt, sondern dass es vielmehr Formen gibt, in denen Widerstand schon beginnt und dass schon dort angesetzt werden kann, wo das Leben stattfindet.

(1)Song, Susan; Polyamory and Queer Anarchism: Infinite Possibilities for Resistance; 2012

Bash Back! – Queer Liberation trough Revolution

Bash Back! war das queer-insurrektionalistische Netzwerk, welches ich schon im letzten Beitrag erwähnt habe. Es bildete sich 2007 in Chicago und bestand aus lokalen Gruppen in den U.S.A. Beeinflußt und inspiriert war das Netzwerk von insurrektionalistischen Theorien, radikalen queeren Gruppen, wie ACT UP und Gay Shame. Zudem haben sie sich auf den Stonewall-Aufstand in New York und die White-Night-Aufstände in San Francisco berufen.BashBackPhoto
Es gab kein verbindliches politisches Programm, welches Mitglieder*innen unterzeichnen mussten, sondern nur 4 ‚Points of Unity‘:

  1. Kämpft um die Freiheit. Nicht um mehr. Nicht um weniger. Staatliche Anerkennung in der Form repressiver Institutionen, wie Ehe und Militarisierung, sind nicht Stufen zur Befreiung, sondern vielmehr zur heteronormativen Assimilation.
  2. Ablehnung von Kapitalismus, Imperialismus und allen Formen staatlicher Herrschaft.
  3. Aktives Entgegentreten gegenüber jeglicher Unterdrückung innerhalb und ausserhalb der ‚Bewegung‘. Es wird kein unterdrückendes Verhalten toleriert.
  4. Respekt für die Vielfalt von Taktiken im Kampf um Befreiung. Zudem soll keine Aktion nur aus dem Grund verurteilt werden, dass der Staat sie als illegal bezeichnet.

In dem Text Bash Back! is Dead; Bash Back Forever! wird beschrieben, dass die Methode war der Realität erlebter Gewalt gegen queere Jugendlichen und Erwachsenen in Vergangenheit und Gegenwart entgegen zu treten und zwar mit allen nötigen Mitteln.

Queers brauchten einen Wohnort, Selbstverteidungsmöglichkeiten, schöne Dinge und Vergnügen, konsequenterweise besetzten wir Häuser, kollektivierten Waffen, trainierten zusammen, plünderten so viel wie möglich und organisierten Partys, Aufstände und Orgien.

Doch Bash Back! Gruppen waren auch bei größeren Protesten dabei. 2008 umzingelten sie nach einer unangemeldeten Demonstration ein Polizeigebäude, konfrontierten Neo-Nazis, die gegen Milwaukee Pridefest demonstrierten, protestierten gegen Gentrifizierung und Pink Capitalism. Bei der Nationalen Konferenz der Demokratischen Parte der USA demonstrierten sie gegen die trans-exklusive Politik der Human Rights Campaign und organisierten einen queer und trans-Block innerhalb des Black Block, der zum Großteil in Gewahrsam genommen wurde, trotzdem wurde am darauffolgenden Tag ein queeres Kiss-in gegen homofeindliche Konservative durchgeführt. Einen Monat später waren Gruppen auch bei der Nationalen Konferenz der Republikanischen Partei der USA dabei, blockierten länger eine Kreuzung, mussten die jedoch nach einem Angriff von berittenen Polizist*innen räumen, nur um kurz darauf Anhänger der queer-feindlichen Westboro Baptist Church zu konfrontieren. Weitere Aktionen richteten sich wieder gegen die trans-exklusive Politik der Human Rights Campaign, gegen queer-feindliche, christliche Kirchen, sowie gegen die Polizei.

Aufgrund der Struktur von Bash Back! gibt es vieles zu kritisieren an manchen Methoden, auf der ‚offiziellen‘ Website lassen sich auch Texte finden, die zu kritisieren sind. Zudem wurde auch der Insurrektionalismus, und damit auch Bash Back! als insurrektionalistische Gruppe, oft kritisiert. Jedoch war es der Versuch eine Möglichkeit zu finden der Gewalt, die tagtäglich erlebt wird etwas entgegenzusetzen, für sich selbst zu sprechen, Erlebtes offensiv zu verarbeiten und für einander gegen queer-feindliche Menschen einzustehen. 4154007175_080bb67f2e
Ich habe Respekt davor, dass sie einen eigenen Standpunkt sich aufgebaut haben, dass sie sich nicht dem Staat unterworfen haben und die Tradition Stonewalls weiter führen wollten. Es muss nicht jedem Punkt zugestimmt werden, was Bash Back! war und forderte, aber das ist wohl dem geschuldet, dass es kein verbindliches Programm gab für die verschiedenen Gruppen. Auch innerhalb von Bash Back! gab es viele Diskussionen über verschiedene Aktionsmöglichkeiten. Davon kann jedoch gelernt werden und der Kampf um Freiheit weitergeführt werden.

BASH BACK FOREVER

Queer Anarchismus – The First Pride Was A Riot

Kämpfe um die Freiheit. Nicht um mehr. Nicht um weniger.

Zitat aus den ‚Points of unity‘ des queer-insurrektionalistischen(1) Netzwerks Bash Back!

Queeres Leben und Anarchismus? In Zeiten eines immer stärker auftretenden Pink Capitalism (2) ist es manchmal schwer das Bedürfnis nach einem queering (3) der anarchistischen Bewegungen zu sehen. Menschen freuen sich, wenn ihr Geschlecht vom Staat anerkannt wird, ein Teil der staatlichen Diskriminierung verboten wird, und und und. Dafür habe ich auch Verständnis, jedoch bleibt Queer consumerism, Queer assimilation is not Queer Liberation. Das heißt in all dieser Kapitalisierung queeren Lebens, in all dieser Integration in den Staat hinein, läßt sich nicht die Freiheit finden. Oder um es nochmal anders zu formulieren:

Staatliche Anerkennung in der Form repressiver Institutionen, wie Ehe und Militarisierung, sind nicht Stufen zur Befreiung, sondern vielmehr zur heteronormativen Assimilation.

Zitat aus den ‚Points of unity‘ des queer-insurrektionalistischen Netzwerks Bash Back!

Damit sind wir schon mitten drin in queer-anarchistischen Ideen.
Um aber nocheinmal einen Schritt zurückzugehen: Passen queerer Aktivismus und anarchistische Bewegungen überhaupt zusammen? Spontan lässt sich diese Frage mit „Ja“ beantworten, denn

  1. Es gibt Aktivist*innen, die in queeren und anarchistischen Kreisen unterwegs waren.
  2. Wenn es queeren Feminismus gibt und Anarcha-Feminismus, dann gibt es wohl auch queeren Anarcha-Feminismus, bzw. queeren Anarchismus.
  3. Es gibt queer-anarchistische Gruppen, also gibt es wohl auch das Konzept eines queeren Anarchismus.

Aber warum passen Anarchismus und queerer Aktivismus so gut zusammen? Ich möchte mit der Definition arbeiten von anarchistischen Bewegungen als Bewegung, die sich jeglicher Autorität widersetzt, innerhalb und außerhalb der Bewegung, und die Befreiung aller Menschen anstrebt (4). Wenn queerer Aktivismus gegen verschiedene heteronormative (heutzutage auch homonormative) Strukturen und Institutionen vorgeht, dann führt er in diesem Bereich den gleichen Kampf, wie anarchistische Bewegungen. Warum jedoch dann queerer Anarchismus, wenn der Kampf doch der gleiche ist? Queerer Aktivismus sagt erstmal grundsätzlich nicht aus, welches Ziel besteht. Wie oben beschrieben fordern viele, die Öffnung der Ehe oder das freie Wählen des Geschlechts im Pass. Queer-anarchistische Aktivist*innen würden jedoch viel eher die Abschaffung der Ehe und die Abschaffung von Pässen erreichen wollen.
Der Unterschied zwischen queeren Aktivismus und queer-anarchistischem Aktivismus liegt also in den Grundannahmen der Aktivist*innen. Sind diese Demokrat*innen? Sind diese Kommunis*innen? Sind diese Anarchist*innen? Oder irgendwas dazwischen oder ganz anderes?

Queere Aktivist*innen gibt es viele, meiner Meinung nach kann jedoch eine endgültige Befreiung nur mit einem queeren Anarchismus erreicht werden. Deshalb möchte ich ein wenig über verschiedene Aspekte queeren Anarchismus in den nächsten Wochen schreiben, über historische Ereignisse, verschiedene Gruppen, Ansätze, etc.

(1) auch Aufständischer Anarchismus; Strömung des Anarchismus, der sich vor allem in den 1970er Jahren in Italien herausgebildet hat und den Aufstand in den Mittelpunkt anarchistischen Handelns stellt und verbindliche Organisationen eher ablehnend gegenüber steht.
(2) Pink Capitalism ist ein Begriff aus der kritischen Betrachtung der Vereinnahmung von queer-Themen und Diskursen durch Firmen und andere autoritäre Institutionen und Strukturen, vor allem im Bereich weißer, schwuler, cis-Männer der westlichen Ober-/Mittelschicht.
(3) Queering bedeutet immer wieder Normen zu problematisieren und aufzulösen.
(4) Mir ist bewusst, dass in einer seperaten Betrachtung dieser Begriff weitergedacht und verändert werden kann und vielleicht auch sollte, jedoch lässt sich mit jetzt klar und deutlich die Verbindung zu queerem Aktivismus finden.

Möglichkeiten für Umgang mit Mobbing in der Linken(TM) Szene

Seit einigen Tagen und Wochen taucht die Diskussion um Umgang mit Menschen, die andere mobben, immer wieder auf. (Dabei sollte nicht vergessen werden, dass viele mehrfach marginalisierte Menschen, dieses Mobbing schon seit Monaten, Jahren aus der ‚eigenen‘ Szene erleiden). Um einmal kurz zu wiederholen was passiert ist:
Verschiedene Twitter-Accounts (darunter (soweit ich weiß) @SuriPfote, @TheGurkenkaiser, @Orbyt666, sowie @g_rantelhuber) haben andere Menschen systematisch angegriffen und zwar soweit, dass verschiedene Menschen ihre Twitter-Accounts gelöscht haben, da sie die Angriffe nicht mehr ertragen haben. Die Angreifer haben fast die ganze Breite -istisches-Verhalten abgedeckt: (Cis)sexismus, Ableismus, Klassismus, etc. Ein paar Tage später veröffentlichte daraufhin eine Person den Namen und Wohnbezirk von @g_rantelhuber, löschte diesen Tweet doch später wieder. So glaubten die ganzen ‚Mackerantifas‘ eine Berechtigung zu haben für  ihre Angriffe gegen Feminist*innen, gegen Menschen, die nicht der Cis-Norm entsprechen.
Ja, Menschen zu outen ist scheiße, genauso wie sexistisches, autoritäres, klassistisches, etc Verhalten scheiße ist, genauso wie es scheiße ist dieses Verhalten nicht zu reflektieren, genauso wie es scheiße ist diese Arschlöcher zu verteidigen und deren Verhalten zu entschuldigen. Und wenn jetzt Menschen kommen und mir sagen, dass ich ‚ein Spalter‘ sei, dann sage ich ‚Ja, dann bin ich wohl in diesem Fall ein Spalter. Ich spalte mich ab von Menschen, die sexistisch sind. Ich spalte mich ab von Menschen, die klassistisch sind. Ich spalte mich ab von Menschen, die ableistisch/autoritär/faschistisch/nationalistisch/… sind. Wenn du eine Volksfront zusammen mit solchen Menschen organisieren möchtest, dann tu das, aber ich werde nicht dabei sein, ich werde sogar dagegen sein.‘

Aber mir ging es ja darum, wie mit solchen Vorfällen umgegangen wird. Zuerst einmal: meine Maxime  ist es, dass Betroffene so gut wie möglich geschützt vor weiteren Angriffen sind. Zweitens klappt das ganze, was ich vorschlagen möchte, nur, wenn es Menschen gibt, die solidarisch mit der*m Betroffenen*m sind.
Ich möchte das ganze an einem Beispiel erläutern: A verhält sich -istisch gegenüber B. Nach einer ersten spontanen Reaktion von B (ob das eine Ohrfeige ist, eine Beleidigung oder einfach ein Weggehen), sollte es Menschen geben an die B sich wenden kann. Der Vorfall sollte nun einmal aufgeschrieben werden, gleichzeitig sollte B vorschlagen, wie die Situation geändert werden kann, damit sich B sicher fühlen kann. Nun sollte einmal mit A gesprochen werden (ohne B): A sollte erfahren, was ihr*m vorgeworfen wird, wie si*er die Situation erlebt hat und welche Lösung si*er vorschlagen würde.
Nun können verschiedene Szenarien eintreten:
1) A und B haben die gleiche Lösung vorgeschlagen.
2) A und B haben unterschiediche Lösungen vorgeschlagen.
3) A meint, dass si*er keinen Fehler gemacht hat/nicht gemobbt hat.

Bei 1) ist die Situation geklärt.
Bei 2) denke ich, dass B einmal den Lösungsvorschlag von A erfährt, vielleicht ist dieser auch annehmbar. Falls nicht gibt es nun ein Problem, welches die ganze Gruppe zusammen lösen sollte. Falls sich keine Konsens-Lösung finden lässt, ist die einzige Lösung, dass A oder B nicht mehr in das AZ kann/nicht mehr Teil der Gruppe sein kann/… (siehe auch 3) ) Wen von beiden dies betrifft, sollte ohne die beiden besprochen werden!Bei 3) muss dann wohl die Gruppe entscheiden, ob sie das problematische Verhalten toleriert, und wenn nicht, dann sehe ich keine andere Möglichkeit außer A auszuschließen.

Auf Twitter gestaltet sich das ganze nochmal etwas anders, zum einen gibts die Möglichkeit des Blockens zum Selbstschutz und dann als nächste Möglichkeit wohl auch nur das darauf aufmerksam machen. Entweder entscheiden sich dann andere Menschen ebenfalls A zu entfolgen, zu blocken, zu ignorieren oder sie tun das nicht und unterstüzten damit das Verhalten von A.
Was ich aber auf gar keinen Fall richtig finde ist, wenn wer auf Twitter richtig viel Scheiße baut, diese Person dann mit offline-Namen zu outen (deshalb werden oben auch die Twitternamen erwähnt, weil unter diesem Namen andere Menschen angegriffen wurden). Wenn sich jedoch eine Person wiederholt außerhalb des Internet diskriminieren, -istisch verhält, dann habe ich kein Problem damit, wenn vor dieser Person gewarnt wird, nur sollte es dann auch begründet werden, warum diese Warnung öffentlich gemacht wurde.