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Queer Relationships – Möglichkeiten nicht-normativer Beziehungen

Ein nicht kleiner Teil staatlicher Autorität basiert auf Heteronormativität. Heteronormativität lässt sich definieren als:

Eine Reihe an Normen, die auf der Annahme basieren, dass jeder heterosexuell, cis-männlich/cis-weiblich und monogam ist, zusammen mit der vorausgesetzten und mitgemeinten Dauerhaftigkeit und Stabilität dieser Identitäten. (1)

Wenn dann von queeren Beziehungen gesprochen wird, dann sind dies Beziehungen, die in irgendeiner Weise diese Heteronormativität in Frage stellen. Das heißt Beziehungen, die nicht heterosexuell sind und/oder nicht zwischen zwischen einem cis-Mann und einer cis-Frau sind und/oder nicht monogam sind und/oder die Permanenz und Stabilität von Identitäten in Frage stellen.
Durch ihre reine Existenz stellen diese Beziehungen Heteronormativität in Frage und damit die staatliche Autorität. Sie öffnen einen Raum, der nicht vom Staat vorgesehen war. Durch die Existenz queerer Beziehungen können eine Reihe neuer Praktiken gesetzt werden. Von nicht-heteronormativen Beziehungen können neue Formen der Konsensbildung gelernt werden, neue Arten des Zusammenlebens, des Heranwachsens von Kindern. Queere Beziehungen öffnen einen neuen Raum der Freiheit, der dann aber auch verteidigt werden muss gegen eine Übernahme durch den Staat, durch Vermarktungsstrategien.

Es geht nicht darum monogame, heterosexuelle, cis-gender Beziehungen zu verbieten, sondern ihre Normativität zu zerstören. Es geht darum, dass der Zwang diesen Normen zu entsprechen nicht-existent wird. Es geht darum von einander zu lernen in einer Welt zu leben, in der einer freien Verwirklichung des Selbst nichts im Wege steht. Es geht darum neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. Durch die Existenz queerer Beziehung in einer nicht-anarchistischen Welt kann ein Ausblick gegeben werden, auf das was mal sein könnte. Durch ihre Existenz können erste Freiräume gebildet werden in denen eine Kraft heranwachsen kann, die dann letztendlich Normen und Authoritäten zerstört. Durch ihre Existenz wird klar, dass der Widerstand gegen Staat, Kapital, Patriarchat, etc nicht im bewaffneten Widerstand beginnt, sondern dass es vielmehr Formen gibt, in denen Widerstand schon beginnt und dass schon dort angesetzt werden kann, wo das Leben stattfindet.

(1)Song, Susan; Polyamory and Queer Anarchism: Infinite Possibilities for Resistance; 2012

Split-attraction-model

Da ich nicht weiterkomme mit meinen Post über den Gesetzesvorschlag in Bayern und mir in den letzten Tagen öfters mal die Wichtigkeit des „split-attraction-model“ begegnet ist, wollte ich einmal einen ausführlicheren Artikel über die verschieden Arten von ‚Anziehung‘ schreiben, jeweils mit einer kurzen Einführung und meiner persönlichen Erfahrung.


Einführung

Ich übersetze das englische Wort ‚attraction‘ mit Anziehung und meine Definition in diesem Kontext ist, dass ‚Anziehung‘ das emotionale und/oder physische Bedürfnis von/nach etwas ist. Es ist möglich, dass Menschen, diesem Bedürfnis nicht nachgehen wollen/können/müssen. Es ist möglich, dass die Anziehung sich verliert, wenn sie erwidert wird. Die Bedürfnis kann sich auf ein menschliches Gegenüber, sich selbst ein Objekt oder auf gar nichts beziehen.

Dies ist meine jetzige Definition. Andere Menschen können andere Definitionen haben. Andere Menschen können Sachen anders empfinden als ich. Dieser Text nimmt anderen Erfahrungen und Meinungen nicht ihrer Berechtigung. Es kann sein, dass sich meine Meinung im Laufe der Zeit verändert, aber dieser Text nicht verändert wurde. Jeder Mensch kann diesen Text kopieren und/oder erweitern, wie dieser Mensch möchte.

Sexuelle Anziehung

Sexuelle Anziehung ist das Bedürfnis von sexuellen Kontakt/Handlungen. Diese Anziehung kann sich auf Menschen, jeglichen Geschlechts und jeglichen Aussehens beziehen, auf Objekte, auf sich selbst oder auf gar nichts. Es kann das Bedürfnis nach einer Erwiderung dieser Gefühle bestehen oder auch nicht. Menschen können eine heterosexuelle Anziehung, pansexuale Anziehung, etc… verspüren. Sexuelle Anziehung ist nicht unbedingt das Bedürfnis nach einer Beziehung, und wenn, sie es ist: dann nach einer sexuellen Beziehung oder eine Beziehung, die auch sexuellen Kontakt/sexuelle Handlungen beinhaltet.

Es gibt primäre und sekundäre sexuelle Anziehung. Bei der primären stellt sich das Bedürfnis nach der ersten Begegnung ein, bei der sekundären nach einer längeren Zeit zusammen mit dem Objekt, dem Menschen.

Sexuelle Anziehung hat nichts mit den Handlungen eines Menschen zu tun. Menschen können sexuelle Anziehung und verspüren und keine sexuellen Handlungen durchführen. Menschen können auch keine sexuellen Bedürfnisse haben und trotzdem sexuellen Kontakt mit anderen Menschen oder sich selber haben.

Als asexueller Mensch bin ich von keinem Menschen sexuell angezogen und verspüre auch auf keine andere Art ein Bedürfnis sexueller Handlungen/Aktionen, deshalb kann ich nicht das Bedürfnis selber beschreiben (wobei dieses wahrscheinlich auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist). Ich verspüre nicht das Bedürfnis mit Menschen sexuellen Kontakt zu haben und mir fehlt dadurch auch nichts, da es kein unerfülltes Bedürfnis ist, sondern eins was ich nicht habe. Wenn ein Mensch niemals das Bedürfnis hat nach Australien zu reisen, wird dieser Mensch es am Ende seines Lebens auch nicht vermisst haben, nie dort gewesen zu sein, bei einem Menschen, der Australien gerne bereisen würde, der würde es vermissen, nie dort gewesen zu sein.

Romantische Anziehung

Romantische Anziehung ist das emotionale (oder/und auch physische?) Bedürfnis nach romantischen Handlung/einer romantischen Beziehung mit einem Mensch/mehreren Menschen (möglicherweise auch mit anderen Lebewesen?). Menschen können unterschiedliche romantische und sexuelle Anziehung verspüren: homoromantische Heterosexuelle, panromantische Homosexuelle, aromantische Pansexuelle, biromantische Homosexuelle, etc. Andere haben die gleiche Anziehung: aromantische Asexuelle, biromantische Bisexuelle, etc.

Was eine romantische Beziehung und eine nicht-romantische/platonische Beziehung von einander unterscheidet ist oft schwer klar einzugrenzen. Es ist möglich 10 Menschen zu fragen und 10 unterschiedliche Antworten zu bekommen. Manche Menschen unterscheiden die Handlungen, die sie mit dem Gegenüber/den Gegenübern  durchführen (zum Beispiel Schmusen, Händchen halten, Küssen, in einem Bett schlafen, etc), manche welche Gefühle sie empfinden und manche vielleicht eine Mischung aus beidem. Ich bevorzuge die Unterscheidung nach der emotionalen Beziehung, die ich habe. Dabei werte ich die beiden Beziehungen nicht von vorne hinein, sodass eine romantische Beziehung immer auf einer höheren Stufe steht als eine nicht-romantische, dies muss von jeder Person selber entschieden werden. Ich würde eine romantische Beziehung von einer nicht-romantischen unterscheiden, nach den Gefühlen, die ich fühle. Welche Handlungen ich mit einer Person durchführe, bespreche ich unter ‚Sinnliche Anziehung‘.  In einer romantischen Beziehung habe ich romantische Gefühle für die andere Person/anderen Personen. In einer nicht-romantischen Beziehung nicht-romantische Gefühle. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese Gefühle und welcher Kategorie sie eins zuordnet sehr unterschiedlich sein können. Achtung: Menschen in einer nicht-romantischen Beziehung können auch heiraten. Menschen in einer romantischen Beziehung müssen nicht ultimativ miteinander heiraten. [Wie solche Beziehungen aussehen könnten, kommt bestimmt demnächst in einem gesonderten Post. Stichwort u.a.: Queer-platonische Beziehungen]

Nun zu meinen Erfahrungen mit romantischer Anziehung. Als aromantischer Mensch weiß ich nicht, wie „Schmetterlinge im Bauch“ sich anfühlen. Ich stelle sie mir einfach vor, wie das Gefühl das ich habe, wenn ich eine Person wirklich bewundernswert und kennenslernwert finde, nur tausendmal so stark. Ich habe herausgefunden, dass ich aromantisch bin, da ich eine nicht-romantische Beziehung immer einer romantischen vorgezogen habe und wenn ich mir romantische Beziehung mit anderen Menschen vorgestellt habe, ziemlich automatisch immer zu Stellen in meiner Fantasie-Geschichte gesprungen bin, an der Romantik keine Rolle spielte. Alle Ziele, die ich für mein Leben habe, brauchen keine romantische Beziehung.

EDIT: Platonische Anziehung

Ein Video von Milo Stewart hat mich daran erinnert, dass es auch noch Platonische Anziehung gibt. Ähnlich wie bei der romantischen Anziehung geht es hier um das emotionale (und vielleicht auch physische) Bedürfnis nach einer Beziehung/nach einem Kontakt, jedoch keinen romantischen sondern einen platonischen Kontakt. Es dient als Label, als Erklärung für die Gefühle, die Menschen haben können. Wie platonische Beziehungen aussehen kann sehr unterschiedlich sein, sogar der gleiche Mensch kann unterschiedliche platonische Beziehungen haben.

Die Gründe dafür, dass eins sich von einer anderen Person platonisch angezogen füht, können sehr unterschiedlich sein. Bei mir sind es so viele Aspekte, dass ich nicht alle aufschreiben kann, zum Beispiel die Art, wie eine Person die Welt/die Umgebung sieht. Ich kann aber auch eine platonische Anziehung zu Personen verspüren, die viel Arbeit in etwas stecken, das ich bewundere. Aber natürlich können das auch Sachen sein, wie Humor, kleine Besonderheiten an Menschen. Die Sachen die eine Anziehung bei uns auslösen können unterschiedlich und vielfältig sein, manchmal sind sie leicht zu benennen, manchmal verspührt eins einfach die Anziehung ohne einen Grund nennen zu können.

Sinnliche Anziehung

Sinnliche Anziehung ist das emotionale und/oder physische Bedürfnis nach Handlungen oder Kontakt mit Menschen/Objekten/sich selber in denen die Sinne eine Rolle spielen, die aber (noch) nicht sexuell sind, das kann Schmusen, Händchen halten, Umarmungen, Massagen sein. Die Abgrenzung zur sexuellen Anziehung kann manchmal etwas schwammig sein, so zum Beispiel ist für manche Menschen Küssen eine sexuelle Handlung, für manche nicht, für manche vielleicht auch eine romantische Handlung. Vor allem bei nicht-asexuellen Menschen können sinnliche Handlungen Teil von sexuellen Handlungen sein. Ausser den Sehsinn (siehe ästhetische Anziehung) können alle Sinne teilhaben bei sinnlicher Anziehung.

Zwar gibt es Asexuelle, die auch kein Verlangen nach sinnlichen Handlungen verspühren, ich jedoch habe nichts dagegen. Im Gegenteil kann eine Umarmung mir auch guttun und es kommt manchmal auch vor, dass ich mir andere sinnliche Handlungen vorstelle und sie mir wünsche. Dies führt natürlich zu Problemen, da ein Großteil sinnlicher Handlungen traditionell/oft in romantisch-sexuellen Beziehungen vollzogen wird und ich diese beiden Anziehungen nicht verspüre. [Zur Lösung dieses Problem siehe den kommen Post über nicht-traditionelle Beziehungsarten].

Ästhetische Anziehung

Ästhetische Anziehung ist das Hingezogen-Fühlen zu etwas ‚Schönem‘, ‚Bewundernswertes‘. Dies kann ein Sonnenaufgang sein, eine Blume oder auch Menschen. Ästhetische Anziehung ist nicht verbunden mit Handlungen mit einer Person/einem Objekt/sich selbst. Ästhetische Anziehung ist alleine verbunden mit dem Sehen. Es gibt viele Menschen, die angezogen sind von dem traditionellem Schönheitsideal. Andere Menschen von anderen Sachen, je nach dem eigenen Geschmack.

Ich verstehe das Konzept des traditionellen Schönheitsideal, welches überall vermarktet wird. Jedoch versuche ich oft die Schönheit in Menschen/Sachen/Situationen zu finden. Das sind, bei Menschen, oft Situationen in denen dieser Mensch etwas tut, bei dem er glücklich ist. Zum Beispiel ein Mensch, der gerne liest und dann auf einer Wiese liegt und liest und die Sonne scheint. Das ist eine Situation, die ich mir lange angucken würde. Eine Situation, die eine ästhetische Anziehung auf mich ausübt. Dieser Anblick gibt mir Kraft.


Ich weiß nicht, ob es schon Texte und Erklärungen zu den verschiedenen Arten der Anziehung auf deutsch gibt, und wenn ja, wie ausführlich diese sind. Auf jedenfall gibt es jetzt einen mehr. Falls es Fragen und/oder Anmerkungen/Kritik gibt, würde ich mich über Kommentare freuen.