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Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 3)

Hier geht es zu Teil 1.
Hier gehts es zu Teil 2.

Ein wenig später als geplant, dafür auch kürzer als letztes mal. Ich werde hoffentlich jetzt in kürzeren Abständen weiterkommen. Dies ist nun der erste Teil zu einem richtigen Kapitel.

Zum Kapitel ‚Betroffenheit‘:
Im Vorwort wird gesagt, dass es hier um den „schlechten Umgang“ des „Betroffenheitsfeminismus“ (beide Seite 11) mit Konflikten geht.

Das Kapitel startet mit einem Bericht über die „Inquisition auf dem e*camp 2013“ (Seite 46) [Ich sagte ja schon, dass die Religionsvergleiche sehr strapaziert werden]
Dieser Vorfall ist mir leider/zum Glück unbekannt, ich war nicht dabei, ich habe vor der Beissreflexe-Lektüre nichts darüber gelesen. Es gibt nur den Erfahrungsbericht aus dem Buch. Ich habe das Buch zwar vor allem auch verstanden, als Kritik daran erst betroffene Personen zu Wort kommen zu lassen, diese ihre persönliche Sichtweise erzählen zu lassen, denn „aktueller queerer Aktivismus […] konzentriert sich auf Verletzungen“ (Seite 16) und in dem Erfahrungsbericht geht es um Verletzungen, die der*die Autor*in erlebt hat. In der Einleitung stand, dass es die einzige wichtige Frage queeren Aktivismuses sei „wer als reaktionär abzulehnen [ist]“ (Seite 9) und doch scheint der Erfahrungsbericht nur darauf abzuzielen die organsierende Gruppen und Menschen „als reaktionär abzulehnen“.
Im Text erzählt eine Person, dass sie von einem queeren Event gemobbt wurde. Am Ende des Berichts erzählt der*die Autor*in, dass die Orga-Gruppe auch Fehler eingestanden hätte. Weiter gibt es wohl zu diesem ersten Text nicht zu sagen, außer dass hier mal wieder nur eine Teilerzählung aus einer Perspektive vorliegt. Kommentare des*der Autor*in über eigenes Verhalten („Ich täusche einen Heulkrampf vor“ (Seite 49); übergriffiges Verhalten (Seite 50)), sowie der Hinweis auf eine Vorgeschichte von vor dem e*camp (Seite 51) scheinen auf eine unvolständige und einseitige Darstellung der Vorfälle hinzuweisen.

Als nächstes kommt der Text ‚Treffpunkt im Unendlichen – Das Problem mit der Identität“ von Koschka Linkerhand. Andere Texte hätte ich mich schon nach den ersten Sätzen geweigert weiter zu lesen, aber bei diesem habe ich eine Ausnahme gemacht. Denn schon am Anfang wird unterschieden zwischen den „alten Selbstbezeichnungen“ lesbisch und schwul (Seite 52) zusammen mit den „zumindest begrifflich etablierten Bisexuellen“ (Seite 52) [Bitte was wird hier angedeutet und impliziert?!?] und den „Geschlechtsidentifizierungen trans*, inter und agender, neuere Selbstbezeichnungen, wie pan- und asexuell“ (Seite 52). Das hier eine Unterscheidung getroffen zu werden scheint, zwischen legitimen (schwulen und lesbischen), ziemlich legitimen (bi) und vielleicht-nicht-wirklich-so legitimen Identitäten ist ekelhaft und queerfeindlich.
Nachdem sich Koschka Linkerhand diesen queerfeindlichen, altbekannten Hut aufzusetzen scheint, wird sich dagegen ausgesprochen transfeindliche und queer-exkludierende Personen auszuschließen (Seite 53).
[Das Koschka Linkerhand auf Seite 54 davon schreibt, dass die Queerbewegung erst 1980 beginnt und nicht, wie ich behaupten würde, spätestens mit den Stonewall-Riots von 1969 ist eine Diskussion, die ich nicht an dieser Stelle führen möchte.]
Es geht weiter mit dem Vorwurf das entgendern der Sprache (also zum Beispiel * und _) patriarchal wäre, wie das generische Maskulinum, da es die gleiche Geschlechtsblindheit“ (Seite 56). Nicht nur ist der Vergleich ableistisch, sondern ‚übersieht‘ vollkommen, dass das generische Maskulinum nur ein Geschlecht betont, den Mann. Eine entgenderte Sprache schafft hingegen Platz für alle. Koschka Linkerhands Plädoyer für ein Binnen-I ist direkt non-binär-feindlich.
Der ganze Text scheint sich vor allem darum zu drehen, dem Queerfeminismus Frauenfeindlichkeit vorzuwerfen, weil dieser sich nicht nur auf cis Frauen beziehen würde.
Natürlich darf dann auch nicht fehlen dem Queerfeminismus Theoriefeindlichkeit vorzuwerfen (S. 57) und der polyfeindlichen Aussage, dass Monogamie „die lebbarste und befriedigendste Möglichkeit der Liebesbindung“ sei (S. 57).

‚Bringt euch in Sicherheit! – Wenn der Alltag zum Schutzraum wird“ von Jakob Hayner ist ein Text, der ursprünglich in der Jungle World. Hier geht es wieder um einen ‚Vorfall‘. Diesmal um einen ‚Vorfall‘ bei einem Seminar von Lann Hornscheidt im Sommersemester 2015.
Im Text wird das Konzept von Safe Spaces kritisiert, u.a. mit dem ‚Argument‘, dass die ‚reale Welt‘ auch nicht sicher sei und Safe Spaces also kontraproduktiv und sowieso ein absolut sicherer Safe Space praktisch unmöglich ist. Dieses Argument wurde schon von anderen Leuten besprochen und muss jetzt nicht hier zum abertausendsten Mal wiederholt werden.
Eine Sachen möchte ich aber zu dem Text anmerken: Erstens kommt in dem Text die Aussage vor, dass ein Transschutzraum nicht auch unbedingt ein Schutzraum vor Rassismus für alle PoC sein muss. Ein Transschutzraum, in dem Rassismus erlaubt ist, ist kein Transschutzraum und jede PoC darf bei Rassismus intervenieren, auch wenn dies eine cis PoC ist.
Ach ja: Antidiskriminierungsarbeit bringt Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nicht „um den Verstand“ (S. 62). Wenn weiße Räume ohne ihre Privilegien zusammenfallen, dann ist das vielleicht ganz gut so.

‚Die betroffenheitsfeministische Dynamik – Zu Abwehrmechanismen in feministischen Gruppen‘ von Caroline A. Sosat ist der letzte Text diese Kapitels.
Zu diesem Text kann ich mich leider/zum Glück nur kurz äußern, denn er bezieht sich auf Konzepte von denen ich keine Ahnung habe. Ich habe und hatte nie Lust mich mit Freud auseinanderzusetzen. Ich kann nur beurteilen, dass der Text transfeindlich ist (u.a. Vater hat einen Phallus) und sehr normativ (u.a. Familie aus Vater, Mutter, Kind).
Nur zu einem Punkt noch: Die Autorin dichtet queerfeministischen Gruppen Allmachtfantasien an, wenn diese Betroffen Definitionsmacht übertragen. Hier ist ein Narrativ erkennbar, der sich bis jetzt durch das ganze Buch zieht. Die Macht privilegierter Gruppen wird in den meisten Fällen nicht kritisiert, aber sobald Machtverhältnisse umgekehrt werden; nicht mehr die privilegierten Menschen entscheiden, wer zur Gruppe gehört; nicht mehr die Sprache der privilegierten Gruppen benutzt wird und neben dem Narrativ der Privilegierten auch andere Narrative gleichberechtigt gestellt werden, dann sind dies Allmachtfantasien, reaktionäre Ideologien, etc.

 

Hier geht es weiter zu Kritik an ‘Beissreflexe’ (Teil 4).

Kritik an ‚Beissreflexe‘ (Teil 2)

Weil das Buch so fesselnd¹ und spannend² war, bin ich mit dem Lesen zügiger als befüchtet.
¹belastend
²queerfeindlich

Zuerst mal zu ein paar ‚Rückmeldungen‘ (Patsy L’Amour Lalove würde sowas wohl als Beissreflexe bezeichnen, aber da es keine Rückmeldungen aus der im Buch kritisierten Szene war, sind es wohl ganz normale Reaktionen).
1) Nein ich hab schon weiter gelesen als nur „Titel und Einband“.
2) Ja, „Kraft weg“ war so, weil es halt verdammt kraftkostend ist, sich mit Queerfeindlichkeit (+Ableismus, +antimuslimischen Rassismus, +Religionsfeindlichkeit) auseinanderzusetzen.
Nun aber weiter zum Buch. Es sind ungefähr 30 Seiten über die ich hier
heute schreiben möchte und ich habe keine Ahnung, wie alles was ich dazu sagen möchte in einen nicht allzu überlangen Text hineinpassen soll.

Anstatt das Vorwort und die Einleitung also von vorne nach hinten durchzuarbeiten, möchte ich ein wenig sortiert arbeiten.
Zuallerst also kleinere Fragestellungen (bei denen kann es sein, dass sie weiter hinten im Buch noch beantwortet werden oder wie vieles zurzeit einfach als Behauptungen in einen luftleeren Raum gestellt werden).
a)Patsy L’Amour Lalove schreibt immer wieder davon, dass queer wieder persvers gemacht werden soll (u.a. S. 11). Aber wieso sollen alle queeren Leute sich selbst als pervers bezeichnen, vor allem wenn die Mehrheitsgesellschaft dies schon tut um uns zu unterdrücken? Kann nicht jede*r selber entscheiden ob si*er sich pervers nennen möchte oder nicht?
b)Der bisherige Fokus liegt vor allem auf Homosexualität, schwul/lesbisch sein, etc, zwar werden hin und wieder auch das Wort trans genutzt (wobei es für mich eher so als „naja müssen wir halt auch nennen“ rüberkommt), aber wo sind bi, pan, ace, etc Personen? Wo sind inter Personen? Bisher scheint es mir, als ob es in dem Buch nur um einen konstruierten Kampf zwischen lesbisch/schwulen gegen trans Personen geht. Wobei halt schon allein die Unterscheidung zwischen schwulen/lesbischen und trans Personen falsch und transfeindlich ist.
c)Im Buch wird die Metapher von queerfem. Gruppen als inquistorische oder sektenhafte Religion echt überstrapaziert. Sie findet sich gefühlt auf fast jeder zweiten oder dritten Seite. Dabei wurde schon bei den ersten ein bis zwei Malen klar, dass eine wichtige ideologische Grundlage des Buches Religionsfeindlichkeit ist. Da gibts wohl auch einen gewissen Zusammenhang mit dem antimuslimischen Rassismus, der beim Lesen aus den Seiten fast schon herausquillt.
d)Wenn es diese queeren Sprechverbote wirklich geben würde, warum konnte dann dieses Buch durch „die freundliche Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Gesellschaft“ ermöglicht werden? Warum habt ihr eine solche Social Media Reichweite, dass es keinen online Ort gibt, an dem eins nicht auf euch stößt? Ihr habt nicht nur durch verschiedenste Zeitschriften Offline Präsenz. Queere Sprechverbote sind doch eure Erfindung, euer feuchter Traum, euer Kampfbegriff um euch als die standhaften Gallier zu inszenieren, als die Spartaner die eine persische Übermacht besiegten, als Rebellen und Untergrundkämpfer, die wegen der bösen Queer-Mafia um ihr Überleben füchrten müssen.
d)Die ganzen Kommentare zu Hengameh Yaghoobifarah sind auch weniger inhaltlicher Natur und haben mehr den Klang von Menschen, die auch sagen ‚Es gibt Rassismus gegen Weiß‘, ‚Männer sind genauso diskriminiert wie Frauen‘ und ‚Unser antimuslimischer Rassismus ist gar kein Rassimus sondern Islamkritk, weil der Islam ist böse und es gibt keinen anitmuslimischen Rassismus‘.
e)Wenn einer der Hauptaussagen des Buches ist, dass mehr Diversität (aber halt auch nur bei den Meinungen und ja gar nicht, wie Diversity im üblichen Sinne verstanden wird. Denn natürlich soll die queere Szene schön, weiß und schwul/lesbisch sein.) in queerer Szene gefordert wird, dann stellt doch die Ereignisse rund um die Queeren Hochschultage 2013 nicht so einseitig dar. [Einer der im Buch kritisierten Blogs ist übrigens dieser, von da aus finden sich auch weitere Texte, die nicht dem einseitigen Narrativ von ‚Beissreflexe‘ folgen].
f)Die Forderung, dass Queer „selbstbewusst offen auftretende[] Homo-, Bisexueller [ja eine der seltenen Erwähnung bi Personen bisher] und Transleute“ sein soll finde ich daneben. Ob Leute selbstbewusst auftreten wollen oder können ist deren Sache und darüber zu richten ist ziemlich scheiße.
g)Die Beschreibung der angeblichen Forderungen der Queer-Community als „promisk, keine Zweierbeziehungen, keine Interesse an beruflichen Erfolg, keine modische Kleidung, kein Begehren gegenüber normativ schönen Menschen, keine Eifersucht und dergleichen mehr“ sind doch auch nur lächerlich und bewegt sich mehr auf dem Niveau des Die Zeit-Artikels über Antideutsche. Ähnlich die Behauptung es gäbe in der queerfem. Szene keine Streitereien.
h) Die Behauptung, dass „als altbacken und reaktionär abgewertete […] Transleute“ des letzten Jahrhundert zum „politischen Selbstverständnis“ gehört, ist dann auch nur noch reine Diffamierung und keines weiteren Kommentars wert als Shoutouts vor allem an Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera und die ganzen anderen wunderbaren Personen aus den Zeiten der Riots und des Aktivismus rund um die Stonewall Riots, sowie an all die ‚älteren‘ (Wobei ‚älter‘ ja auch mehr soziales Konstrukt ist, als was anderes) queeren Personen, von denen ich so viel gelernt habe darunter auch und vor allem Mika Murstein und Laura Jane Grace.
i)Der Angriff gegen anti-lookistischen Aktivismus im Buch ist übrigens auch sehr scheiße. Das kommt jetzt leider wie so nebenbei gesagt herüber, aber bei dem Buch und seiner Feindlichkeit fehlen mir manchmal die Worte.
j)Der verwendete Begriff ‚autoritär‘ im Buch scheint sich auch mehr übersetzen zu lassen, als ‚radikal Räume für marginalisierte Personen/Gruppen zu schaffen entgegen gesetzt zu Herrschaftsstrukturen zu handeln‘.

Aus den ‚kleineren Fragestellungen‘ ist jetzt doch ein großer Haufen geworden und dabei möchte ich noch vier andere Sachen gesondert ansprechen:
1)Die Kritik an Konzepten wie Critical Whiteness und Cultural Appropriation befindet sich auf einen unterirdischen Niveau a la Jungle World. Menschen, denen Aussagen, die fast klingen wie ‚Critical Whiteness ist Rassismus gegen Weiße !!!11!!“ zu stumpf und lächerlich sind, sei dringenst empfholen Meinungen von Autor*innen wie Hengameh Yaghoobifarah zu lesen, wo es ein wenig differenzierter um diese Themen geht.
2)Der nächste Punkt ist jetzt wieder einer der bösen Beissreflexe, aber ich komm nicht umher es einmal deutlich anzusprechen. Wer davon schreibt „Aufklärung“ über „Anwandlungen […], die als ‚queer‘ oder ‚queerfeministisch‘ firmieren“ zu betreiben; Formulierungen in den Mund nimmt, die an ‚Schuldkult‘-Rufe von Rechten erinnern; von Sprechverboten faselt, wie Free-speech-Aktivist*innen in den USA; sich darüber beschwert, kritisiert zu werden, wenn si*er nicht mehr ohne Margnialisierte über Marginalisierte sprechen zu können; di*er sollte ganz deutlich klarmachen, wo der deutliche Unterschied zwischen der eigenen Person und der oben genannten Gruppen liegt. Im Buch geschieht dies nicht. Und damit muss dieses Buch zu dem reaktionären/autoritären Backlash gewertet werden, den marginalisierte Personen zur Zeit so heftig erleben.
3)Was sind das für Leute, die beim Thema ‚Safe Spaces‘ über ‚ein Recht auf Konflikte‘ reden? Unter anderem sind das Personen, die Bücher, wie ‚Beissreflexe‘ herausgeben. Die ganze Kritik an Safe Spaces im Buch ist ziemlich zusammenhangslos. Erst wird kritisiert, dass es keine absolut sicheren Spaces gibt, aber dann wird kritisiert, wenn Aktivist*innen Regeln aufstellen um die Safe Spaces wenigstens sicherer zu machen als die Welt außerhalb. Anscheinend geht es nur um reines Bashing gegen Konzepte, wie ‚Safer Spaces‘, denn dort wird ja die dominante Stellung von Menschen angegriffen, die u.a. dieses Buch geschrieben haben (abled, weiß, männlich, cis).
Sowieso wäre eine zimelich gute Zusammenfassung des Buches bisher: „Hilfe, Hilfe die bösen Queers nehmen mir meine Privilegien und meine Vorrangstellung weg“.
4)Zuletzt ein kurzer Weg in die Semiotik (Zeichenlehre). Alles was wir sehen, hören, etc sind Zeichen. Das kann etwas offensichtliches wie ein Verkehrszeichen sein, aber auch Schriftgrößen auf Zeitungen, Frisuren (ua. halt auch Dreadlocks, was wichtig für Konzepte wie Cultural Appropriation ist), etc. Ein Zeichen verweist immer auf etwas. Meistens wird vereinfacht gesagt, dass ein Zeichen auf eine bestimmte Bedeutung, Aussage, etc verweist, aber eigentlich ist das auch wieder ein Zeichen. Dies ist aber eher nebensächlich für meinen Kritikpunkt.
Im Buch wird sich beschwert darüber, das schon die Anwesenheit bestimmter Personengruppen (zum Beispiel weiße und/oder cis Menschen) als gewalt gelesen würde. Ganz konkret spricht Patsy L’Amour Lalove davon, dass es wäre als „ginge eine düstere Zauberkraft“ von manchen Personen aus. Wenn wir jetzt aber Zeichentheorie anwenden, dann steht cis und weiß für etwas anderes (das kann für unterschiedliche Menschen unterschieldiches sein). Für mich und andere Menschen verweist cis auf Gewalterfahrungen, Diskriminierungen, etc. Es bedeutet nichts über das Individuum was dann in diesem Moment vor mir steht. Das kann ein Ally sein oder nicht, das weiß ich vielleicht gar nicht. Aber die einfache Anwesenheit von cis personen bedeutet für mich, dass da auch (potenzielle, aber auch reale) Diskriminierungen und Gewalt mit anwesend ist.

So das war jetzt ein etwas langer Text, dabei habe ich gar nicht alles angesprochen, was ich hätte ansprechen können. Ich bin auch nicht so ausführlich geworden, wie ich an manchen Stellen wollte. Der nächste Teil kommt wohl Anfang nächster Woche.
Vieles Grundlegendes sollte jetzt wohl auch hoffentlich besprochen sein und dann werden zukünftige Texte hoffentlich auch wieder kürzer.

Hier geht es zu Teil 3

Queer Relationships – Möglichkeiten nicht-normativer Beziehungen

Ein nicht kleiner Teil staatlicher Autorität basiert auf Heteronormativität. Heteronormativität lässt sich definieren als:

Eine Reihe an Normen, die auf der Annahme basieren, dass jeder heterosexuell, cis-männlich/cis-weiblich und monogam ist, zusammen mit der vorausgesetzten und mitgemeinten Dauerhaftigkeit und Stabilität dieser Identitäten. (1)

Wenn dann von queeren Beziehungen gesprochen wird, dann sind dies Beziehungen, die in irgendeiner Weise diese Heteronormativität in Frage stellen. Das heißt Beziehungen, die nicht heterosexuell sind und/oder nicht zwischen zwischen einem cis-Mann und einer cis-Frau sind und/oder nicht monogam sind und/oder die Permanenz und Stabilität von Identitäten in Frage stellen.
Durch ihre reine Existenz stellen diese Beziehungen Heteronormativität in Frage und damit die staatliche Autorität. Sie öffnen einen Raum, der nicht vom Staat vorgesehen war. Durch die Existenz queerer Beziehungen können eine Reihe neuer Praktiken gesetzt werden. Von nicht-heteronormativen Beziehungen können neue Formen der Konsensbildung gelernt werden, neue Arten des Zusammenlebens, des Heranwachsens von Kindern. Queere Beziehungen öffnen einen neuen Raum der Freiheit, der dann aber auch verteidigt werden muss gegen eine Übernahme durch den Staat, durch Vermarktungsstrategien.

Es geht nicht darum monogame, heterosexuelle, cis-gender Beziehungen zu verbieten, sondern ihre Normativität zu zerstören. Es geht darum, dass der Zwang diesen Normen zu entsprechen nicht-existent wird. Es geht darum von einander zu lernen in einer Welt zu leben, in der einer freien Verwirklichung des Selbst nichts im Wege steht. Es geht darum neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. Durch die Existenz queerer Beziehung in einer nicht-anarchistischen Welt kann ein Ausblick gegeben werden, auf das was mal sein könnte. Durch ihre Existenz können erste Freiräume gebildet werden in denen eine Kraft heranwachsen kann, die dann letztendlich Normen und Authoritäten zerstört. Durch ihre Existenz wird klar, dass der Widerstand gegen Staat, Kapital, Patriarchat, etc nicht im bewaffneten Widerstand beginnt, sondern dass es vielmehr Formen gibt, in denen Widerstand schon beginnt und dass schon dort angesetzt werden kann, wo das Leben stattfindet.

(1)Song, Susan; Polyamory and Queer Anarchism: Infinite Possibilities for Resistance; 2012

Eine kleine Geschichte der Asexualität

Dies ist ein Text, der in deutscher Sprache die Geschichte von Asexualität einmal ein wenig zusammenfassen soll. Es geht dabei vor allem um das 19. und 20. Jahrhundert, also bevor 2001 David Jay AVEN gegründet hat.

Ich habe vor allem die englischsprachigen Blogposts von Acing History und Live Blogging my descent into madness, sowie Autism / Serenity genutzt.

Der Begriff ‚Asexualität‘ taucht zwar 1907 in einem Aufsatz von Helen Fraser im Westminster Review auf, in dem sie darüber schrieb, dass „männliche Frauen“ und asexuelle Frauen die Frauenwahlrechtsbewegung dominieren und für die „weiblichen Frauen“ zerstören würden. Sie definiert Asexualität als einen geringen Geschlechtstrieb habend und auf sexuelle Dinge entweder mit Ekel oder einer ungesunden Neugier schauend. Dies hat noch nicht viel mit der heutigen Definition von Asexualität, als nicht vorhanden sein einer sexuellen Anziehung zu tun.
Doch es gab verschiedene frühere Begriffe, die der heutigen Definition, die sich ab 1970 entwickelte, nahekommen. Zum Beispiel im The New Sydenham Society’s Lexicon of medicine and allied sciences (1879) wird das Wort ‚anaphroditus‘ erwähnt, welches bedeutet ‚Nicht-Genießen von physischer Lieben‘. Ein wenig später schreibt Magnus Hirschfeld in Sappho und Sokrates (1896): „Es gibt Individuen mit garnicht vorhandenen geschlechtlichen Begehren.“. Doch vor diesen beiden Erwähnung prägte 1869 Karl-Maria Kertbeny das Wort monosexuell, welches Menschen beschreibt, die nur masturbieren.

Zeitlich nach dem oben erwähnten Aufsatz schreibt Ralph Werther – Jennie June in The female Impersonators über ‚Anaphroditen‘ als Männer die „bei dem Gedanken an Sex, zusammenzucken“ und die niemals „einer Frau den Hof machen“. Anaphroditen sollen ungefähr 1,5% aller Männer ausmachen und verehren (sexuell?) keinen Menschen.
In Women’s History: Britain, 1850-1945 wird ein Zeitungsartikel zitiert, der 1935 Frauen dazu aufrief ihre Töchter vor „sexlosen oder homosexuellen“ Frauen zu schützen (im Original wird das Wort ‚hoydens‘ benutzt, was eine freche, ausgelassene und sorglose Frau meint). Es ist also deutlich, dass Frauen diskriminiert wurden, weil sie keinen oder lesbischen Sex hatten. In der Mitte des 20. Jahrhunderts veröffentlichte Alfred Kinsey seine Studien über die menschliche Sexualität. In denen taucht neben den homo-, hetero- und bisexuellen Gruppen auch die Gruppe X auf. Menschen dieser Gruppe verspüren keine Anziehung zu einem Geschlecht. Auch Alfred Kinseykam auf eine Prozentzahl von 1,5% Gruppe X unter Männern.

Ich hatte oben beschrieben, dass ab den 1970er Jahren der Begriff Asexualität unter der Definition von geringer oder gar keiner sexuellen Anziehung. Helen Singer Kaplan schrieb in Disorders of Sexual Desires über ‚Hypoactive sexual desire‘ als psychische Störung, bei der  keine oder nur sehr geringe sexuelle Anziehung verspürt wird. 7 Jahre später, 1977, schrieb Myra T. Johnson in dem akademischen Aufsatz Asexual and Autoerotic Women: Two Invisible Groups über nicht-pathologisierender Weise. Sie unterschied zwischen masturbierenden Frauen (autoerotisch) und nicht-masturbierenden Frauen (asexuell), untersuchte wie diese beiden Gruppen (nicht) in der „westlichen Kultur“ gesehen wurden und wie sie in die damalige feministische Bewegung einzuordnen waren. Sie schrieb auch darüber, wie asexuelle Frauen diskriminiert wurden, nämlich dass die sexuelle Revolution und feministische Bewegungen die Existenz asexueller Frauen ignoriert oder geleugnet hat.

1983 wurde eine Studie von Paula Nurius mit 689 Studierenden aus den USA durchgeführt. Thema war die Verbindung geistiger Gesundheit und sexueller Orientierung und sie kam zu den Ergebnis, dass 5% der männlichen und 10% der weiblichen Studierenden asexuell seien (als asexuell wurden Teilnehmende eingestuft, die auf den beiden Skalen für homo-erotische Anziehung und hetero-erotische Anziehung auf einen Wert von unter 10 eingestuft wurden, 100 waren maximal möglich). Die Studie fand auch heraus, dass als asexuell eingestufte Menschen, öfters Depressionen hatten.
Eine Studie unter Schafen fand ausserdem heraus, dass es anscheinend auch inder Tierwelt Asexualität geben könnte, als herauskam, dass 2-3% von Schafböcken kein Interesse hatten sich zu paaren, aber ansonsten geistig und physisch gesund waren.

Ich möchte ein paar Menschen zitieren, die schon länger in queeren Bewegungen aktiv sind und persönliche Erfahrungen mit asexuellen Menschen gehabt haben, bevor AVEN gegründet wurden ist, beispielsweise als AVEN noch sehr jung war. Atomic Bubblegum schreibt hier darüber, dass bevor sich eine eigene asexuelle Community im Laufe des 21.Jahrhunderts gebildet hat, diese Menschen in der bisexuellen Community willkommen geheißen wurden. Menschen, die nicht heterosexuell und nicht homosexuelle waren, fanden in der bisexuellen Community die Möglichkeit über ihre Probleme zu sprechen, ihre Gefühle ausdrücken zu können.
Vaspider formuliert es hier so:

Aces were bi only 20 years ago. “Bi” was the umbrella diagnosis if you weren’t a gold star gay.

und hier nochmal:

One of the oldest queer people I personally know is ace, and hung out in the “not gay or straight” section for ages, but she’s been with us forever.

Das 21. Jahrhundert wird langsam unübersichtlich bezüglich der Geschichte von asexuellen Communities. Erwähnenswert wären Antony Bogaert als einer der bekanntesten Wissenschaftler, der das Buch Understanding Asexuality geschrieben hat, durch das zweite Welle der Erforschung von Asexualität begonnen wurde (nach den Studien der 1970er und 1980er).
Zwei Diskussionen, die innerhalb der asexuellen Community stattfanden möchte ich erwähnen. Es gab die Diskussion über die Definition von Asexualität, wobei sich die inklusivere Variante (Asexuell is wer keine sexuelle Anziehung verspürt und/oder sich als asexuell identifiziert durchgesetzt gegenüber der exklusiveren Variante (asexuell ist wer keine sexuelle Anziehung verspürt und keinen Libido hat, also nicht masturbiert). Die andere größere Diskussion fand zwischen einem sex-positive-/sex-neutrality-Lager und einem sex-negative-/antisexuellem Lager statt. Größtenteils hat sich aber ersters durchgesetzt und mehrheitlich ist die Meinung, dass Menschen soviel oder sowenig Sex haben sollen, wie sie wollen. Natürlich sollte es einen Konsens geben zwischen den teilnehmenden Menschen. Auch eine ausführliche Sexualkunde wird größtenteils unterstützt.

Die  jüngste Zeit ist gekennzeichnet davon, dass viele Gruppen und Communities außerhalb von AVEN entstehen, Asexualität wird langsam bekannter und damit begann auch die Diskussion der letzten Monate/Jahre, in wie weit Asexualität in das LGBTQ+ Akronym gehört, während dabei aber online offener und öfters Asexuelle ausgeschlossen und attackierten werden, als in offline queeren Gruppen.

Über Toleranz, Akzeptanz und Respekt

Die drei Begriffe ‚Toleranz‘, ‚Akzeptanz‘ und ‚Respekt‘ sind oft gebrauchte, aber eigentlich sehr undeutliche Begriffe. Ich möchte nun einmal darlegen, warum ich Forderungen nach ‚Toleranz‘ und ‚Akzeptanz‘ nicht so gerne unterstütze und lese, sondern den Begriff ‚Respekt‘ bevorzuge. Dazu werde ich jeweils die Wortherkunft ansprechen, beim Begriff ‚Toleranz‘ ein wenig weiter ausholen, und schließlich erklären, warum ich den Begriff ‚Respekt‘ favorisiere.

Lesezeit: 3-4 Minuten

Toleranz
Toleranz kommt vom lateinischen tolerare = erdulden/ertragen und wird oft als Duldung/Geltenlassen/Gewährenlassen von anderen Auffassungen, Meinungen und Einstellungen definiert. Zum Beispiel wurden die Religionen fremder Völker im Römischen Reich nur geduldet, wenn diese die Kaiserverehrung annahmen.

Kees Schuyt (niederländischer Soziologe) beschreibt die Toleranz als „unvollkommene Tugend“, weil etwas zugelassen wird, was eigentlich als schlecht erachtet wird. Toleranz ist also nicht ein Zulassen von etwas, was eins sowieso mag, oder was eins kalt lässt, sondern das Zulassen von etwas, was gegen die eigene Meinung/Einstellung geht. Toleranz ist passiv, sie ist ein ’nicht handeln‘, ein ‚untätig bleiben‘, ein ’nicht eingreifen‘. Und darin liegt meine Kritik.
Menschen sollen nicht untätig bleiben, obwohl sie andere Menschen verachten. Ich möchte nicht, dass nicht-normatives Verhalten nur geduldet wird, wegen irgendeinem höheren Motiv. Zum Beispiel: Ich lehne es ab, Flüchtende nur zu dulden, damit ‚unser Land in einem besseren Licht da steht‘. Das finde ich egoistisch.
Zudem ist ‚Toleranz‘ immer etwas was von der Mehrheit, von den Machthabenden ausgeht. Diese Mehrheit entscheidet, was toleriert wird und was nicht.

Akzeptanz
Akzeptanz kommt aus dem lateinischen accipere = gutheißen, annehmen, billigen. Bei diesem Begriff findet sich nun die aktive Komponente, die mir bei ‚Toleranz‘ fehlt.

Trotzdem finde ich den Begriff problematisch, denn wenn ich etwas ‚annehme‘, wie zum Beispiel die Möglichkeit, dass es viele unterschiedliche sexuelle Orientierungen oder Geschlechter gibt, dann sagt dass immer noch nichts darüber aus, was das für mein Verhalten bedeutet. Menschen können es gutheißen, dass Menschen unterschiedlich sind, aber es sagt noch nichts darüber aus ob sie darauf Rücksicht nehmen. Menschen können akzeptieren, dass es Menschen gibt, die Behinderungen haben, doch das bedeutet nicht, dass sich darum gekümmert wird, dass Möglichkeiten geschaffen werden, dass diese Menschen trotzdem ganz einfach mit der Bahn fahren oder ein Museum besuchen können.
Ähnlich wie ‚Toleranz‘, wird auch bei der ‚Akzeptanz‘ von der Mehrheit entschieden, was noch akzeptabel ist, das heißt systemerhaltend.Meiner Meinung nach sollten Menschen wertgeschätzt werden in ihrer Gesamtheit und auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen werden, deshalb komme ich nun zum Begriff ‚Respekt‘.

Respekt
Respekt kommt von dem lateinischen Wort respecto = Rücksicht, Berücksichtigen. Respekt ist eine Form der Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Diese 3 Begriffe: ‚Rücksicht‘, ‚Wertschätzung‘, ‚Aufmerksamkeit‘ decken die Bereiche ab, die ich bei den anderen beiden Begriffe problematisch finde. Respekt ist etwas aktives, im Gegensatz zur Toleranz. Wer etwas respektiert schätzt etwas und duldet es nicht nur. Gleichzeitig wird Rücksicht genommen auf die Menschen, die respektiert werden und so können Ungleichheiten ausgeglichen werden. Zudem wird respektierten Menschen Aufmerksamkeit geschenkt, so dass Probleme schnell besprochen und behoben werden könnten.

Also an einem Tag, wie dem IDAHOT (beispielsweise IDAHOBITAP) möchte ich nicht Toleranz oder Akzeptanz fordern, sondern ich möchte respektiert werden. Ich möchte, dass andere Respekt bekommen. Ich möchte, dass Menschen nicht nur dulden oder annehmen, sondern wertschätzen und berücksichtigen.
‚Respekt‘ findet im Gegensatz zu ‚Toleranz‘ und mehr als ‚Akzeptanz‘ auf einer gleichen Machtebene statt. Durch ‚Respekt‘ können Machtstrukturen zerstört werden, da ein Ausgleich unterschiedlicher Möglichkeiten angestrebt wird.

Kleiner Zusatz: Wenn ich Menschen respektiere, dann heißt das für mich auch, dass ich Faschisten zum Beispiel nicht als dumm bezeichne, sondern als Faschisten. Wenn ich Menschen respektiere, dann heißt das für mich auch, dass ich Frauke Petry nicht irgendwelche frauenfeindlichen Beleidigungen zurufe, sondern andere Beleidigungen verwende, denn Frauke Petry ist ein Kackspaten, weil sie eine Rechtsextremistin ist und nicht weil sie eine Frau ist.

 

Split-attraction-model

Da ich nicht weiterkomme mit meinen Post über den Gesetzesvorschlag in Bayern und mir in den letzten Tagen öfters mal die Wichtigkeit des „split-attraction-model“ begegnet ist, wollte ich einmal einen ausführlicheren Artikel über die verschieden Arten von ‚Anziehung‘ schreiben, jeweils mit einer kurzen Einführung und meiner persönlichen Erfahrung.


Einführung

Ich übersetze das englische Wort ‚attraction‘ mit Anziehung und meine Definition in diesem Kontext ist, dass ‚Anziehung‘ das emotionale und/oder physische Bedürfnis von/nach etwas ist. Es ist möglich, dass Menschen, diesem Bedürfnis nicht nachgehen wollen/können/müssen. Es ist möglich, dass die Anziehung sich verliert, wenn sie erwidert wird. Die Bedürfnis kann sich auf ein menschliches Gegenüber, sich selbst ein Objekt oder auf gar nichts beziehen.

Dies ist meine jetzige Definition. Andere Menschen können andere Definitionen haben. Andere Menschen können Sachen anders empfinden als ich. Dieser Text nimmt anderen Erfahrungen und Meinungen nicht ihrer Berechtigung. Es kann sein, dass sich meine Meinung im Laufe der Zeit verändert, aber dieser Text nicht verändert wurde. Jeder Mensch kann diesen Text kopieren und/oder erweitern, wie dieser Mensch möchte.

Sexuelle Anziehung

Sexuelle Anziehung ist das Bedürfnis von sexuellen Kontakt/Handlungen. Diese Anziehung kann sich auf Menschen, jeglichen Geschlechts und jeglichen Aussehens beziehen, auf Objekte, auf sich selbst oder auf gar nichts. Es kann das Bedürfnis nach einer Erwiderung dieser Gefühle bestehen oder auch nicht. Menschen können eine heterosexuelle Anziehung, pansexuale Anziehung, etc… verspüren. Sexuelle Anziehung ist nicht unbedingt das Bedürfnis nach einer Beziehung, und wenn, sie es ist: dann nach einer sexuellen Beziehung oder eine Beziehung, die auch sexuellen Kontakt/sexuelle Handlungen beinhaltet.

Es gibt primäre und sekundäre sexuelle Anziehung. Bei der primären stellt sich das Bedürfnis nach der ersten Begegnung ein, bei der sekundären nach einer längeren Zeit zusammen mit dem Objekt, dem Menschen.

Sexuelle Anziehung hat nichts mit den Handlungen eines Menschen zu tun. Menschen können sexuelle Anziehung und verspüren und keine sexuellen Handlungen durchführen. Menschen können auch keine sexuellen Bedürfnisse haben und trotzdem sexuellen Kontakt mit anderen Menschen oder sich selber haben.

Als asexueller Mensch bin ich von keinem Menschen sexuell angezogen und verspüre auch auf keine andere Art ein Bedürfnis sexueller Handlungen/Aktionen, deshalb kann ich nicht das Bedürfnis selber beschreiben (wobei dieses wahrscheinlich auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist). Ich verspüre nicht das Bedürfnis mit Menschen sexuellen Kontakt zu haben und mir fehlt dadurch auch nichts, da es kein unerfülltes Bedürfnis ist, sondern eins was ich nicht habe. Wenn ein Mensch niemals das Bedürfnis hat nach Australien zu reisen, wird dieser Mensch es am Ende seines Lebens auch nicht vermisst haben, nie dort gewesen zu sein, bei einem Menschen, der Australien gerne bereisen würde, der würde es vermissen, nie dort gewesen zu sein.

Romantische Anziehung

Romantische Anziehung ist das emotionale (oder/und auch physische?) Bedürfnis nach romantischen Handlung/einer romantischen Beziehung mit einem Mensch/mehreren Menschen (möglicherweise auch mit anderen Lebewesen?). Menschen können unterschiedliche romantische und sexuelle Anziehung verspüren: homoromantische Heterosexuelle, panromantische Homosexuelle, aromantische Pansexuelle, biromantische Homosexuelle, etc. Andere haben die gleiche Anziehung: aromantische Asexuelle, biromantische Bisexuelle, etc.

Was eine romantische Beziehung und eine nicht-romantische/platonische Beziehung von einander unterscheidet ist oft schwer klar einzugrenzen. Es ist möglich 10 Menschen zu fragen und 10 unterschiedliche Antworten zu bekommen. Manche Menschen unterscheiden die Handlungen, die sie mit dem Gegenüber/den Gegenübern  durchführen (zum Beispiel Schmusen, Händchen halten, Küssen, in einem Bett schlafen, etc), manche welche Gefühle sie empfinden und manche vielleicht eine Mischung aus beidem. Ich bevorzuge die Unterscheidung nach der emotionalen Beziehung, die ich habe. Dabei werte ich die beiden Beziehungen nicht von vorne hinein, sodass eine romantische Beziehung immer auf einer höheren Stufe steht als eine nicht-romantische, dies muss von jeder Person selber entschieden werden. Ich würde eine romantische Beziehung von einer nicht-romantischen unterscheiden, nach den Gefühlen, die ich fühle. Welche Handlungen ich mit einer Person durchführe, bespreche ich unter ‚Sinnliche Anziehung‘.  In einer romantischen Beziehung habe ich romantische Gefühle für die andere Person/anderen Personen. In einer nicht-romantischen Beziehung nicht-romantische Gefühle. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese Gefühle und welcher Kategorie sie eins zuordnet sehr unterschiedlich sein können. Achtung: Menschen in einer nicht-romantischen Beziehung können auch heiraten. Menschen in einer romantischen Beziehung müssen nicht ultimativ miteinander heiraten. [Wie solche Beziehungen aussehen könnten, kommt bestimmt demnächst in einem gesonderten Post. Stichwort u.a.: Queer-platonische Beziehungen]

Nun zu meinen Erfahrungen mit romantischer Anziehung. Als aromantischer Mensch weiß ich nicht, wie „Schmetterlinge im Bauch“ sich anfühlen. Ich stelle sie mir einfach vor, wie das Gefühl das ich habe, wenn ich eine Person wirklich bewundernswert und kennenslernwert finde, nur tausendmal so stark. Ich habe herausgefunden, dass ich aromantisch bin, da ich eine nicht-romantische Beziehung immer einer romantischen vorgezogen habe und wenn ich mir romantische Beziehung mit anderen Menschen vorgestellt habe, ziemlich automatisch immer zu Stellen in meiner Fantasie-Geschichte gesprungen bin, an der Romantik keine Rolle spielte. Alle Ziele, die ich für mein Leben habe, brauchen keine romantische Beziehung.

EDIT: Platonische Anziehung

Ein Video von Milo Stewart hat mich daran erinnert, dass es auch noch Platonische Anziehung gibt. Ähnlich wie bei der romantischen Anziehung geht es hier um das emotionale (und vielleicht auch physische) Bedürfnis nach einer Beziehung/nach einem Kontakt, jedoch keinen romantischen sondern einen platonischen Kontakt. Es dient als Label, als Erklärung für die Gefühle, die Menschen haben können. Wie platonische Beziehungen aussehen kann sehr unterschiedlich sein, sogar der gleiche Mensch kann unterschiedliche platonische Beziehungen haben.

Die Gründe dafür, dass eins sich von einer anderen Person platonisch angezogen füht, können sehr unterschiedlich sein. Bei mir sind es so viele Aspekte, dass ich nicht alle aufschreiben kann, zum Beispiel die Art, wie eine Person die Welt/die Umgebung sieht. Ich kann aber auch eine platonische Anziehung zu Personen verspüren, die viel Arbeit in etwas stecken, das ich bewundere. Aber natürlich können das auch Sachen sein, wie Humor, kleine Besonderheiten an Menschen. Die Sachen die eine Anziehung bei uns auslösen können unterschiedlich und vielfältig sein, manchmal sind sie leicht zu benennen, manchmal verspührt eins einfach die Anziehung ohne einen Grund nennen zu können.

Sinnliche Anziehung

Sinnliche Anziehung ist das emotionale und/oder physische Bedürfnis nach Handlungen oder Kontakt mit Menschen/Objekten/sich selber in denen die Sinne eine Rolle spielen, die aber (noch) nicht sexuell sind, das kann Schmusen, Händchen halten, Umarmungen, Massagen sein. Die Abgrenzung zur sexuellen Anziehung kann manchmal etwas schwammig sein, so zum Beispiel ist für manche Menschen Küssen eine sexuelle Handlung, für manche nicht, für manche vielleicht auch eine romantische Handlung. Vor allem bei nicht-asexuellen Menschen können sinnliche Handlungen Teil von sexuellen Handlungen sein. Ausser den Sehsinn (siehe ästhetische Anziehung) können alle Sinne teilhaben bei sinnlicher Anziehung.

Zwar gibt es Asexuelle, die auch kein Verlangen nach sinnlichen Handlungen verspühren, ich jedoch habe nichts dagegen. Im Gegenteil kann eine Umarmung mir auch guttun und es kommt manchmal auch vor, dass ich mir andere sinnliche Handlungen vorstelle und sie mir wünsche. Dies führt natürlich zu Problemen, da ein Großteil sinnlicher Handlungen traditionell/oft in romantisch-sexuellen Beziehungen vollzogen wird und ich diese beiden Anziehungen nicht verspüre. [Zur Lösung dieses Problem siehe den kommen Post über nicht-traditionelle Beziehungsarten].

Ästhetische Anziehung

Ästhetische Anziehung ist das Hingezogen-Fühlen zu etwas ‚Schönem‘, ‚Bewundernswertes‘. Dies kann ein Sonnenaufgang sein, eine Blume oder auch Menschen. Ästhetische Anziehung ist nicht verbunden mit Handlungen mit einer Person/einem Objekt/sich selbst. Ästhetische Anziehung ist alleine verbunden mit dem Sehen. Es gibt viele Menschen, die angezogen sind von dem traditionellem Schönheitsideal. Andere Menschen von anderen Sachen, je nach dem eigenen Geschmack.

Ich verstehe das Konzept des traditionellen Schönheitsideal, welches überall vermarktet wird. Jedoch versuche ich oft die Schönheit in Menschen/Sachen/Situationen zu finden. Das sind, bei Menschen, oft Situationen in denen dieser Mensch etwas tut, bei dem er glücklich ist. Zum Beispiel ein Mensch, der gerne liest und dann auf einer Wiese liegt und liest und die Sonne scheint. Das ist eine Situation, die ich mir lange angucken würde. Eine Situation, die eine ästhetische Anziehung auf mich ausübt. Dieser Anblick gibt mir Kraft.


Ich weiß nicht, ob es schon Texte und Erklärungen zu den verschiedenen Arten der Anziehung auf deutsch gibt, und wenn ja, wie ausführlich diese sind. Auf jedenfall gibt es jetzt einen mehr. Falls es Fragen und/oder Anmerkungen/Kritik gibt, würde ich mich über Kommentare freuen.

Ace Book Club: Lunaside

Ante Scriptum: Es gibt einen neuen Blog: SICHTBXR, auf dem Francesca über Asexualität schreibt.


Eigentlich habe ich noch einen anderen Text, den ich schon längst veröffentlich haben wollte über den Vorschlag eines neuen Gesetz zur Sexual- und Familienerziehung in Bayern, aber an dem Tag, an dem ich ihn begonnen hatte, hat eine problematische Woche angefangen und ich komm erst jetzt dazu wieder zu schreiben. Und da ich gerade das Buch Lunaside von J. L. Douglas fertig gelesen hatte, welches das derzeitige Buch des Ace Book Club ist, dachte ich mir, dass ich zuerst eine Rezension veröffentliche. Diesen Monat möchte ich auch noch ein neues Kapitel schreiben.


LunasideZuerst einmal grob zum Inhalt:

Das englisch-sprachige Buch spielt vor allem in einem Sommerlager auf einer Insel, es gibt einen Kunst-, einen Film, einen Theaterbereich usw. Die lesbische Hauptperson Moira und ihre Freundin Andrea sind beide Betreuerin in dem Ferienlager und ihre Beziehung hat einige Hürden, die sich nur noch vergrößern, als auch Millie im Lager anfängt zu arbeiten. Das bestimmende Thema ist also, wie schüchterne Moira mit ihren Beziehungen und Gefühlen umgeht und gleichzeitig auch noch ihre Gruppe von Kindern im Lager betreut.

Aromantisch und asexuell, wäre ich wahrscheinlich nicht von alleine darauf gekommen das Buch zu lesen, doch es wurde im Ace Book Club ausgewählt, da auch eine asexuelle Person vorkommt. Nun ja, ich habe also nicht die enge Verbindung zu den Gefühlen von Moira gehabt, wie andere, die das Buch gelesen haben. Trotzdem habe ich das Buch sehr genossen und es fast in einem Zug durchgelesen, denn es bietet verschiedene Punkte, von dem eins eine emotionale Verbindung mit den verschiedenen Personen herstellen kann. Douglas schaffte es mich in die kleine Welt von Moira mit hinein zu nehmen und ich wollte unbedingt die Lösung des Beziehungskonflikts wissen. Zudem fand ich den Schreibstil erfrischend und gut lesbar.

Jedoch habe ich auch einen kleinen und einen etwas größeren Kritkpunkt. Erst der kleinere: Zwar gab es vorher die Warnung, dass Moiras Mutter anfangs ein wenig feindlich eingestellt ist bezüglich der lesbischen Beziehung von Moira und Andrea, jedoch wurden auch polyamoröse Beziehungen angesprochen. Zwar wurden diese als absolut valide Art der Beziehungsgestaltung eingeführt, aber Moiras Bruder Kommentare zu dieser Möglichkeit der Lösung des Konflikts waren etwas abwertend, was mich etwas aus der Bahn geworfen hat beim Lesen des Buches. Der größere Kritikpunkt ist aber der, dass das Ende des Buches vorhersehbar war. Das ist etwas was ich nicht so gerne sehe und es wurde nur ein wenig entschuldigt dadurch, dass das Ende sich schön geschrieben entfaltet hat – aber auf einer vorhersehbare Weise.

Wer also ein netten Roman lesen möchte mit nicht-heteronormativen Beziehungen und kein allzu großes Kunststück erwartet, denen kann ich das Buch empfehlen.

Prizm Books: Lunaside (E-Book)

Goodreads: Lunaside